Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 75 (22.6.1839)
- Date
- 1839-06-22
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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304 selten genannt wird bis jetzt, aber von Zeit zu Zeit immer mehr das ehrenvolle Bürgerrecht in der deutschen Sprache erhält und wenn ich es hier,- an der Spitze ^dieses Aufsatzes gebrauche, so habe ich damit den besten Begriff verbinden wollen und ein Feind vom Gesuchten und Erkünstelten bin und deshalb behalte ich eö auch bei. Indem ich nun der Redaktion dieser Blatter einen Beitrag über den Stand der jüdischen Glaubensgenossen geben will, muß ich zuerst die Landschaft selbst schildern, in welcher diese leben. Westphalen, als ein Norddeutsches Land, ist mehr geebnet und hat nur an einigen Stellen Gebirge und fruchtbare Thäler; der größte Theil dieses Landstriches ist flach und haidig und hat sandigen Boden. Der Wohlstand in demselben ist durch die einfache und abgeschiedene Lebensweise, wozu der Landmann durch die isolirte Lage seiner Gehöfte veranlaßt wird, gut; die Sitten sind einfach; der Charakter der Menschen ist ausgezeichnet brav; die Religion ist gemischt katholisch und protestantisch. Ein Theil von Westphalen gehört an Preußen, Hannover, Oldenburg, Lippe Bückeburg, Lippe Detmold und Churhessen. Hauptorte in Westphalen sind Münster, Paderborn, Arensberg, Minden, Osnabrück; kleinere Städte gibt eS viele darin, Dörfer wenige, dagegen aber viele Bauersckaften und große einzelne Höfe und Edelhöfe von mäßigem Umfange. So ist dieser Landstrich beschaffen, den ihre Glaubensgenossen mit den beiden christlichen Religionen friedsam theilen. Die Hauptstädte darin sind weniger von Juden bevölkert, ' als andere von derselben Größe im übrigen Deutschland und mag dies zum Theil seinen Grund darin finden, daß in den früheren Jahrhunderten vier Bißthümer den größten Theil von Westphalen einnahmen und mochten diese geistlichen Fürsten dem lieben Gotte immer noch einen Dienst zu thun glauben, wenn sie auch in den spätesten Nachkommen die Feinde Christi fanden. In den meisten Hauptstädten waren die Familien ihrer Zahl nach und gewöhnlich höchst geringe bestimmt, welche von jüdischer Abstammung dort ihr Asyl haben durften und deshalb mögen . die Juden bis auf diese Stunde noch in so geringer Zahl in den Hauptorten wohnen. Ja es gab einige dieser Orte, in welchen sich bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts die barbarische Sitte aus dem phantastischen Mittelalter erhalten hatte, daß die Juden beim Eintritte ins Stadtthor einen Zoll^ von ihrer Person zu entrichten harten und nur eine Nacht, höchsten» deren zwei in den Ringmauern der größern Städte ein Unterkommen finden konnten. Betrachtet man eine solche Sitte der entfernten Jahrhunderte, so leuchtet es ein, daß den Juden, und mit Recht! ein besseres Loos in Deutschland schon geworden ist. Wenn nun auch aus den finstern Zeiten entschwundener Jahrhunderte eine solche Ungerechtigkeit zu uns in seinen grellsten Farben herüber scheint, so haben doch in den fernen Zeiten keine solche Auslritte von Verfolgungen, Ausrottungen und Blutvergießen in Westphalen stattgefunden, wie in dem andern deutschen Vaterlande die Juden dies zu erdulden hatten. Nur in dem Städtchen Lübcke durchriß die- Volkswurh die Zügel der Ordnung und in Einer Nacht, finster wie das ferne Jahrhundert, wurden dort mal alle Juden umgcbracht; zur Ehre der Westphalen finden sich aber solche Züge der Volkswuth gegen die unglücklichen jüdischen GlaubenSgenopen, in diesem Norddeutschen Landestheile nicht weiter. Die kleineren Städte Westphalenfind mehr mit Juden bewohnt, als die größern und in den Dörfern.finden wir sie nur in einzelnen, meistens nur ein, zwei bis drei Familien. Auf dem flachen Lande, in den Äauer'schaftcn und auf den entlegenen Gehöften wohnen sie gar nicht. In den Dörfern und kleinen Städten ist der kleine Handel ihr Hauptgeschäft, meistens der mit Ellenwaaren. Der Pferdehandel und der mit fettem Viehe wird von den Juden oft nicht unbedeutend betrieben. Unter den Handwerken ist es das der Schlachter, welches die Juden am meisten trieben; hierzu kommt der Handel mit Häutchen und Fellen und das viele Wandern der geringern Juden unter den Landleuten herum, gibt ihnen einen Grad von Bekanntschaft und Lebensklugheit welches /.sie vor vielen Menschen auszeichnet und ihren Geschäften sehr förderlich ist. Der Landmann, schlicht und einfach, aber gesunden Verstandes und rechtschaffen, erkennt die größere Intelligenz, welche der geringe Jude gegen ihn hat und behandelt ihn zutraulich und mit schuldiger Achtung und treibt gern seinen Kleinhandel mit ihm. Größere Kaufleute in den Dörfern, die ein Detail-Geschäft führen, leben oft. in angesehenen Verhältnissen und genießen-das Vertrauen der ganzen Umgegend, wobei sich ihr Geschäft nicht übel steht. Die "geringe Zahl der Juden, die aber immer nur in einem Orte zusammen wohnen, veranlaßt sie ihre Festtage in Verbindung mit den Bewohnern ihres Glaubens aus benachbarten Dorfschaftcn und kleinen Städten zu feiern. Ihre religiösen Feste gehen ohne Störung dahin und wenn ihre Zusammenkünfte auch nur oft in. geringer Zahl von Genossen stattfinden können, so find solche doch um so feierlicher, indem oft weite Wege über Land die entferntem Juden dahin rufen und jede Wanderung durch die freie Natur, sie mag in den Tempel der Juden führen, zum Dome Sanct Petros gehen, in den stillen Raum einer schmucklosen protestantischen Kirche leiten, oder von den Minarets herab in die Moschee rufen, ein jeder solcher Gänge wird mehr erhabener, wenn der Weg dahin durch die freie Natur des Gottes führt, den der Jude, der Christ, der Muhamedaner und der ganze Erdball preißt: wir glauben alle an Einen Gott, an den, der die Sonne über uns scheinen laßt, dessen Sterne in daS Dunkel unserer Nächte leuchten! (Schluß folgt.) Anzeiger. In demselben werden Annoncen aller Art gegen 1 Gr. Gebühren für die gespaltene Zeile aus Petit-Schrift oder deren Raum ausgenommen. Die Verlagshandlung. Ein in der jüdischen Literatur wohl bewanderter Lehrer, der in dex hebräischen und deutschen Sprache, so wie in Geographie, Geschichte, Naturlehre und im Rechnen grundlich zu unterrichten, daneben auch den Gesangunterricht zu leiten und das Vorbeteramt, mit Berücksichtigung der gegenwärtigen Anforderungen an dasselbe, zu bekleiden im Stande ist, kann zu Michaelis d. I., nach vorgangig bestandener Prüfung bei der hiesigen israelitischen Volksschule eine einträgliche Anstellung erhalten.. Diejenigen Herren Lehrer, welche auf diese Stelle reflectiren, wollen ihre Anträge nebst Zeugnissen über ihr Betragen und ihre Befähigung postfrei einsenden an den Vorstand der isr. Gemein zu Hildesheim. Redacteur : vr. L. Philippfon. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirfckrfeld.