Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 70 (11.6.1839)
- Date
- 1839-06-11
- Page
- Seite 284 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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284 aus Aegy ptett herleiten, und die Ursache der Auswanderung beinah Alle in einem unter den Aegyptern herrschenden Aussatze finden, wobei die Aegyplier alle davon Betroffenen-aus dem Lande entfernten. Die Verschiedenheiten der Angaben sind nun folgende. Tacitus ist der Einzige, welcher mehrere Meinungen aufzähft, die die Juden aus andern Gegenden ableiteten. Nämlich aus Kreta, indem der Berg Jda den Namen Juden verschaffen mußte, aus Aethiopien, einige aus Assyrien. Lysimachus bei Josephus giebt an, daß der ägyptische König einen Theil ins Meer versenken, einen anderen'in die Wüste bringen ließ, wohl mit einigem Anklang an die Begebenheit am rothen Meere und daß die Neugeborenen in -den Nil gestürzt wurden. (Fortsetzung folgt.) A u s z ri g e. Mittheilungen über Salvador. 2. Kritik der Ansichren Salvador's über das Iudenthum. (Schluß.) Alsdann betrachtet er den Sozialismus des Judenthunis sorgfältig, aber vergißt, daß derselbe ein Religion ssocialiSmus ist. Das vorherrschende Element des Judenthums ist, daß .alleRelationen des Menschen auf Gott geführt werden; der höchste Grund jedes Gesetzes ist Gott, das LebenSelemcnt des Gesetzes Gott; und so sehr ist dies der Cement des ganzen Bauwerkes, daß bei den höchsten, wie untersten Gesetzen Gott als Grund des Gesetzes aufgeführt wird, (wie beim Gebot in Bezug auf Vogelnester, Ehrfurcht vor Alter rc.) Ist also zwar daö irdische Leben als ein von einem andern Leben unabhängiges in sich concentrirt' worden, scist eS doch gänzlich in Abhängigkeit von Gott'gestellt. Das oberste Prinzip des jüdischen Lebens ist: Du sollst dich heiligen, wie Gott heilig ist — daS heißt aber wahrlich nicht, du sollst das Leben genießen durch die Gesetzlichkeit, wie Salvador das Leben im Sinne des Judenthums intcrprcrircn will, sondern durch die Gesetzlichkeit soll das irdische Leben sich vergöttlichen. Zum Glücke hat die heilige Schrift dieses Lebenselement des' JudentbumS eben so abstrakt wie reell behandelt, in allen Höhen wie Liefen auSgestreut, so daß.von dem etwanigen Einwurfe des Symbolismus gar Nichts zur Gültigkeit kommen kann. „Ihr, sollt euch heiligen, wie Gott heilig ist" — ist nichts Symbols-' sches, ist der einfachste, klarste, unzudeutelndste Ausdruck, von dem aus jedes bei einem Ge - und Verbote nicht als eine Strafandrohung, sondern als das Ziel, als! die vergöttlichende Heiligung, die durch das Gesetz bewirkt werde, erscheint. Also wahr ist es, das Judenthum macht das Erdenleben nicht zu einer Strafanstalt, aus der der Lod erlöse, erkennt cs nicht als einen Zustand der.Verderblichkeit und des Versunkenseins; eS will das Leben zu einem in sich gehaltvollen und würdigen Dasein machen, daS als solches die erhebendsten Resultate darbieten kann — aber es löset zugleich dieses Leben von der Erde ab, und erhebt eS zur Gottheit; es vindicirt ihm den Werth nur insofern er von Gott ausfließt, und zu ihm zurückführt, und so daS Leben zu einem Medium zwischen Gott und Menschen machend, hat eS ihm allerdings eine höchste intensive Gültigkeit zugesprochen. Nie hat eine Religion den Menschen mehr zu Gott erhoben, ohne dabei Gott zu erniedrigen, zu vermenschlichen. — Sehen wir hierbei auf die moderne Gesellschaft zurück, so ist ja dies eben noch der Mangel derselben, daß sie sich, noch'lange nicht genug unter göttliche Autorität gestellt hat. Hervvrgegangen ist sie aus dem Materialismus des vorigen Jahrhunderts, und wenn, sie nun auch bereits die Religionsromantik des Mittelalters beseitigt hat, wenn sie auch das irdische Leben in seiirer absoluten Geltung'erfaßt, und die Identität des Allgemeinen- und ParticularrechtS zu verwirklichen sucht; so hat sie doch viel zu wenig noch den Materialismus abzusireifcu gemußt, um auch die höhere Staffel, die der Einordnung der Sozialität in die Göttlichkeit schon in Etwas erreicht zu haben. Wir brauchen jedoch nur daran zu erinnern, daß es bereits im klarsten Bewußtsein der Gesellschaft liegt, wie der innere und äußere Gang der ^Menschheit die höchste Leitung der Gottheit.erfährt, um zur Genüge angedeutet zu haben, daß die Gesellschaft auch noch zu diesem Durchdrungensein gelangen wird, welches in systematischester Einheit schon im Judenthume gegeben ist. So hat Salvador, auf der einen Seite tief in das Wesen des Judenthums cindringend, dennoch auf der andern dessen rechte Lebenssphäre gänzlich verkannt. Wenn er daher auch dle Erscheinung Abrahams sehr richtig interpretirt, so sind es gerade die ihmertheilten, zeitlichen Güter, hohes, glückliches Alter :c., welche ihn gar nicht befriedigen, und über seinem ganzen Leben schwebet nur als Devise: „Ich (Gott) bin dein sehr großer Lohn." — Wenn, er durch Salomo die hebräische Idee vom Leben als Wohlthat des Höchsten gegen, den orientalischen Mysticismus, daß die göttliche Weisheit im Lode bestehe rc. lehren läßt, so übersieht er^ daß derselbe auch die Lobten, ja die gar nicht Geborenen glücklich preist, und am Ende in der -Furcht Gottes die rechte Stütze findet. Ferner beobachtet er nicht, wie schon die Propheten, wenn sie zu der Festhaltung am Gesetze mit allem Feuereifer ermahnen, dennoch-weniger die Gesetze selbst, als die Wurzelung der Gesetze in Gott in's-Auge nehmen, da sie schon den Bruch zwischen Gott uud Gesetz im israelitischen Leben wahrnahmen, weshalb sie mehr das Prinzip, Gott, al.s die Gefetzesform empfehlen, diese sogar vor jenem verwerfen, und die Gesetzlichkeit bereits in die.Moralität aufgehen lassen. Können wir auch Salvador in der Fassung des weitern Gesichtslaufs.des Judenthums nur glücklich nennen, zeichnet er namentlich Philo mit dem treffendsten Pinsel: so ist es doch Eines, was in seiner Darstellung noch ganz vergessen ist, und was demnächst die Geschickte nicht .befriedigt. Dies ist, daß er die fortschreitende Entwickelung nicht nachweist, ja fast zu leugnen scheint. Zunächst erscheint „die hebräische Idee" bei ihm mir Moses schon abgeschlossen gegeben. Dies erkennen wir nun allerdings ebenfalls an, soweit eS die Idee,an sich selbst und deren ideale Verwirklichung betrifft. Auch für uns ist die^geoffenbarte Idee an sich mit den Büchern MosiS schon abgescklopen. Aber nun erstens die extensive Entwickelung der Idee, zweitens die Entwickelung an, der Realität, .durch den Kampf der Idee mit der Wirklichkeit. Hier ist eS nun, wo dem Salvador überall eine Entwickelung in cketeriorem partein, nirgends in meliorem erscheint. Wir, denen ckie Erfahrung von viercehalb Jahrtausenden bereits vvrliegt, müssen eine jede Erscheinung in ihrem Verhältnisse zur spätern Zeit schon richtiger zu begreifen im Stande sein, müssen, von ihren Folgen daS Momentane abstreifend, diese in ihrer günstigen Einwirkung auf die spätere Zeit anzuerkennen vermögen. Auf dem großen Wege, den die „hebräische Idee" zu machen hatte, und noch zu machen hat, um Israel und die Menschheit ganz zu durchdringen, mußte sie mit den Ideen aller andern Gattungen in Berührung, bald in feindseligen Eonfiickt, bald in gegenseitige Contaction treten. Die Jsolirung, in der lange Zeit Israel gehalten, und die nur in den Zeiten bis jetzt nach und nach gelöser wird, machte glücklicher oder vielmehr vvrhergesehener Weise einen plötzlichen Einbruch, eine gänzliche Gewalrigung von Seiten der fremden Ideen nicht möglich. Jedenfalls aber, wenn die hebräische Idee die andern besiegen sollte, mußte sie auf sie treffen, sie theilweise aufnehmen, um sie mit der Zeit gänzlich wieder zu absorbiren. Immer erlangte dadurch die hcbraischeJdee an Umfang, und Kraft, und sie wurde nach und nach fähig, die ganze Menschheit mit ihrem großen Compler -von Anschauungen/. Wissen und Ansichten zum Object ihres Operirens zu machen. Von diesem Standpunkte aus sind alle spateren Ereignisse, welche die hebräische Idee betrafen und noch heute betreffen, zu beurtheilcn, und diesen Standpunkt unS unterzulegen, hat Salvador im Allgemeinenwie im Detail versäumt. Redakteur vr. 8. Philipps»». — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirfchfeld.