Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 65 (30.5.1839)
- Date
- 1839-05-30
- Page
- Seite 264 (sequence 4)
- Language
- German
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264 A rr S z ü g e. Mifthei.lungen über Salvador. 2. Kritik der Ansichten Salvador's über das Judenthum. Ueberschauen wix die ganze bisherige literarische Lhatigkeit .Salvador'--, denn diese bewegt.sich organisch fort, und har im vorliegenden Werke wieder ein Mittelglied.angelegt — so können wir als seine innere, ihm vielleicht selbst noch nicht ganz klare Tendenz ansp.rechen: dqS Judenrhum mit der modernen Gesellschaft und den sie beherrschenden Ideen rn geistigen Einklang zu bringen, in einen engen Rapp ort zu setz ein. . Hierin-geht er aber analytisch'zu Werke. Er faßte den modernen socialen Jdeenstoff nicht als eine.zeitliche Äeußetung der Gesellschaft, nicht als eine teinporaire Phase, sondern als die Wesenheit der welthistorischen Entwickelung., deren geschichtliche Begründung nachzuweisen sei, da sie von jeher in ihret Vorbereitung bestanden haben muß. Diese findet er nun vor Allem im Judenthume, und leugnend die gewöhnliche Ansicht, daß nur das Christenthum diese moderne Gesellschaft Hervorbringen konnte, sucht er zu erweisen , daß daS Chrisrenchum nur eine -Modifikation dcS Judenrhuinö durch Hülfe, asiatischer Elemente sei, welche die Entwickelung der Gesellschaft in dem Streben zu dem Standpunkte, wohin das Judentbum sie führen wollte, eher -verhindert hätte. 2a, er gehr nun noch einen Schritt weiter, und .behauptet, daß Las Judenthum selbst die Zukunft der Gesellschaft enthalte, indem diese' noch lange nicht alle -Momente zur Verwirklichung gebracht, , welche im Judenthume vorhanden, und die eben doch noch zur Verwirklichung gebracht werden muffen. Um dieses recht zu beurtheilen, muffen wir uns'erst fragen: was ist betmoderne sociale Jdeenstoff? Ersten s: .Die' Einheit des besondern Rechts mit dem allgemeinen Rechte, dies Aufgehen aller Partikularrechte in das allgemeine Recht, oder vielmehr das Versenken des allgemeinen Rechts in das, besondere Recht,, so daß jenes immerfort in diesem in die Erscheinung trete. Diese findet nun Salvador ganz und'gar im Judenthume, da hier weder Geburtsrechte, noch Fremdenrechte statt finden, da hier die Vereinigung aller.Völker zu.einem Rechte als Ziel ausgesprochen, und von Seiten Israels wenigstens kein Hinderniß zu der Erreichung dieses Zieles gefetzt wurde.. Wir müsten uns hierin mit Salvador .übereinstimmend erklären — denn selbst die Priestcrfamilie war nur ein Surrogat für alle Erstgebornen, und da das Recht der letzteren durch die Ceremonie der Loskaufung ■ ■jV'lD immer in'Verwahrung blieb, konnte jene doch 'nur als rcmporaire RechtSinbaberin angesehen werden; ein Gleiches fand selbst mit der davidischen Königsfamilie statt, die ein Surrogat des allgemeinen Wahlrechts war, nachdem dieses in Saul eine ähnliche Versündigung, wie die der Erstgeborenen beim goldenen Kalbe, d. i. eine Beeinträchtigung des Volkswohleö, sich zu Schulden kommen lassen — nur daß Salvador noch nicht klar genug herausgesteüt, inwieweit die Erscheinung Israels als Volk in der Mitte 8er dem Partikularrechtsspsteme huldigenden alten Völker, - der Entwickelung jener Identität des AllgemeinrcchtS mir dem -Besonderrechte Abbruch thun 'mußte, was'mit dem Allst) ören'der jüdischen Nationalselbstständigkeit wieder' verschwinden' mußte.' Ist doch selbst durchchaö Verbot der Nachlese in den Wc-inbergen, deö AberntenS der Fcldecken, der Auslesung der abgefallenen Früchte ff. zmir Vortheile der Fremden und Armen, eigentlich sogar 'das .Ausgehen des Eigcnthumsrechtes als ein Partikularrecht in daS Allgemein recht vorbereitet und concedirt. — Zweitens: die in sich concenrrirteF-assung 'des irdischen Lebens an sich, ohne direkten .Anschluß an eist zukünftiges. Ohne das Bestehen eines zukünftigen Lebens im Geringsten aufzugebcn, wird doch dem hiesigen ebenfalls ein abfolüt-er Werth beigelegt- und die Zustände in demselben von ver größern oder geringem Gesetzmäßigkeit des Handelns, unmittelbar abhängig gemacht. Auch dies wird infonders in,derrr ursprünglichen Judenthume nachgewiesen; Salvador dringt überall darauf, genau cinzusehen, wie-das Judenthum dem irdischen Leben einen für sich bestehenden Gehalt zuschreibt, wie es unser Dasein nicht auf jenen,Halbdunkeln Hintergrund eines zukünftigen Lebens aufträgt, dessen Farben auf Kosten jenes erhöht werden, sondern es für sich gelebt, geordnet und-genossen haben will. So wahr dies in vielfacher Hinsicht-ist, so werden wir doch bald sehen, wie dies mit vieler Beschränkung nur zugegeben werden kann, wie hier Salvador eine Haupttendenz des JudenthumS ganz übersehen hat. Wir wollen hier nur darauf aufmerksam machen, daß schon die in die Details deS materiellen LebeyS sich versenkende Gesetzgebung des JudenrhumS überhaupt die Nothwendigkeit der Gesetzlichkeit eonftatirt, die eS nicht bloß auf die Moralität beschränkt, weshalb es denen, die die rvr£73 ‘WD aufzuftellen sich bemühenso viel Mühe macht, einen moralischen Grund für jedes Gesetz aufzusuchen, welchen oft daS Gesetz gar nicht beabsichtigte,- sondern nur die Gesetzlichkeit an sich. ES ist also hier eine die Moralität bei weitem überwachsende Gesetzlichkeit, welche daS Erdenleben ordnen, und in diesem Geordnetsein den Chancen und Wandlungen entziehen, und so unabhängig für sich stellen wollte. — Neben diese beiden integrirenden Elemente der modernen Gesellschaflsidecn stellt sich nun in ihnen die Entfernung aller der Ansichten vom Bösen als absoluten Prinzip, von der daraus folgenden Verderbtheit des Lebens, von der dadurch bedingten Redemption durch die Gottheit unmittelbar, welche, den großen Partieen der menschengeschlechtlichen Massen inhärirten, und welche zu vernichten das Judenthum ursprünglich bestimmt war, die ihm eigentlich ganz fremd, und nur von Zeit zu Zeit aufgedrängt waren. . Dies also ist-das allgemeine Resultat der Untersuchung Salvador». So ist er dahin gekommen, den Socialismus des Judenthums alö den wahrhaften des menschlichen Lebens, und als den Modernen in seiner fortschreitenden Entwickelung besonders, anzusehen. Aufdiese. Weise hat er die moderne Gesellschaft mit dem Judenthume. in überraschenden Einklang so gestellt, daß dies jene noch dazu überragt. Aber Salvador hat sich in diesen Jdeengang zu tief eingelassen, um nicht zum Thcil darin zu versinken. Er hat daS Judenthum so sehr zur modernen Gesellschaft gebracht, daß er diese allein darin sah, und nicht das, maS noch außerdem im Judenthume ist. Wir meinen das Göttliche im Judenthume. Zuerst die Offenbarung an sich, Salvador gicbt nirgends zu erkennen, daß er das Judenthum als einen A'uösiuß der Gottheit .ansieht. Aber er hat sich auch über dessen Ursprung überhaupt keine klare Ansicht erworben, und daS ist sein erster Fehler. Denn um eS als bloß menschliches Produkt hinzustellen, dazu vergöttlicht er es wieder zu sehr; bei aller Erhebung Abrahams und -MostS, nimmt er doch, wie eS auösiehti, das Judenthum nicht als Produkt dieser beiden Männer an. AlS eine bloß natürliche Phase der menschengeschlechtlichen Produktionen kann-er es auch nicht anschen, weil als solche ihm nur theilrveise Wahrheit zukommen könnte, und er überweist ihm doch die ganze Wahrheit. Auch hat er selbst für die Bewegungen in den anderen Völkern die beiden Prinzipien-der Centripetal- und Centrifugalkraft festgestellt, für Israel das bewegende Prinzip aber offen gelassen. (Fortsetzung folgt.) Redacteur Ihr. L. Philippson. — Verlag von Baumgärttters Buchhandlung. Druck von I. B. Hirschfeld.