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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-05-23 · Heft 62 (23.5.1839) · p. Seite 250

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 62 (23.5.1839)
Date
1839-05-23
Page
Seite 250 (sequence 4)
Language
German
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250 Lieder an, wobei sie dem Feste Nachrufen: „Gehe in Frieden Hessachfest, und komme in Frieden Wochen - und Laubhüttenfest!" Die Nacht, wo das Fest zu Ende ist, wixd gänzlich durchwacht, und ein Jeder holt sich den Segen von den Nabbinen und frommen Männern. Die Tische sind wie am Tage mit neuen Früchten, Honig und Käse besetzt, damit jeder Einkehrende soviel genießen kann, als er nur will. Auch wird Jedem ein Stück mit Honig bestrichen von der Große einer Olive gereicht, bei dessen Genüsse der Spruch 212 äiE3 ^T72ii gesagt wird. Der Tag nach dem Feste wird gleichfalls gefeiert, und darf an demselben kein Handwerk verrichtet werden. Des Morgens eilt ein Jeder ganz früh in die Synagoge zu kommen, weil bei uns der Glaube vorherrscht, daß wer an diesem Tage früh in die Synagoge kömmt, es auch das ganze Jahr hindurch geschieht (iTTin 'irrvD» (Fortsetzung folgt.) Literarischer Salon. (Fortsetzung.) Die Schriftsprachen der Juden (mitgetheilt von einem Freunde) „die jüdische Literatur, insoweit sie die morgenländische Form beibehaltcn har, laßt sich auf drei sprachliche Grundstoffe zurückftchren. Es sind jene drei Verzweigungen des .semitischen Sprachsiammes, in denen die ursprüngliche Einheit der semitischen Ursprache sie zu einer Mehrheit entfaltet hat, das Aramäische, daö Hebräische und Daö Arabische. Diese drei Sprachen erscheinen theilS in ungefärbter Reinheit und charakteristischer Unterschiedlichkeit, theilS in den buntesten Färbungen und verschränktesten Mischungen als Organ der jüdischen Literatur. Daß das Hebräische in der Zeit des alten /Testaments die jüdische Volkssprache gewesen sei, laugner Niemand; daß es aber nach dem Abschluß der kanonischen Schriften alten Testaments die Sprache des jüdischen Volkes geblieben ist, wissen oder wollen nur wenige wissen. Mit ^vem Abschluß deö Kanon ist nach der Meinung der Meisten auch das Leben der hebräischen Sprache geschlossen, sie ist von da an als eine untergegangene, todte Sprache zu betrachten. Der Strom ist aber nicht versiegt, wenn er auch einen Lauf nimmt, der den Augen der Menge verborgen ist. Jene schlechthin irrtümliche Meinung ist ein absprcchendeS a priori, welches man in Ermangelung aller Erfahrungskenntniß vorschnell abgefaßt hat. Diesem entgegen siehe also hier die geschichtlich begründete Behauptung: die hebräische Sprache ist nicht gestorben, niemals unkergegangen. Sie hat stets als Schrift- und zum LH eil auch als Umgangssprache des jüdischen Volkes fvrtbestanden, und ist selbst bei den seltsamsten Sprachmischungen der Grundstoff, die Werft der neuen Gewebe gewesen. Sie ist bis auf heute die mannigfachsten Bildungsperioden ohne Stillstand oder Unterbrechung durchlaufen, und ist stets die einzige nationale Ausdrucksweise der Juden geblieben. Wie der Italiener italienisch, der Deutsche deutsch spricht, und jedes Volk seine eigentümliche Volkssprache, das unveräußerliche Erbgut seiner Vorfahren, hat, so sprach auch der Jude als Jude zur Zeit des alten, wie zur Zeit des neuen Testaments stets jüdisch (rPbn!r) d. t. hebräisch, ganz abgesehen von dem, was er in diese Sprachform zm fassen bemüht war. — Man sagt ferner, daß das israelitische Volk, als es rheilweise aus der babylonischen Gefangenschaft nach Judäa zurückkehrre, die chaldaische Sprache, die ibm so wie fremdartige Gesittung von seinen Gewalthabern gleichsam aufgedrungen worden sei, in sein Vaterland mir zurückgebracht habe. In dieser.Behauptung liegt ein doppelter Jrrrhum. Der Eine Jrrrhum, in dem schon der Alexandriner Philo befangen ist, besteht in derJdenkificirung der ch a ldäisehen und aramäischen Sprache. Die chaldäische Sprache, diese Sprache eines rohen, später in Babylonien heimischen Bergvolkes auf den karduchischen Gebirgen in der Nachbarschaft Armeniens, diese Sprache einer abergläubischen, verworfenen Kaste, die sich mit Sterndeurerei und geheimen Künsten beschäftigte, war ein von dem Aramäischen der Babylonier verschiedenes, gar nicht semitisches und daher, dem Hebräer unverständliches Idiom,-dasselbe, in welchem Nebukadnezar, ein König Babyloniens und der Dynastie der Chaldäer, auserlesene israelitische Jünglinge unterweisen ließ. Die Meinung aber, daß Daniel in dieser Sprache die ihm errheilten göttlichen Offenbarungen verzeichnet habe, hat jene irrthümliche Verwechselung veranlaßt. Der andere Jrrrhum liegt darin, daß man neben dem gänzlichen Vergessen der hebräischen Muttersprache eine unvorbereitete und plötzliche Annahme der aramäischen Fremdsprache innerhalb der siebzig Jahre des babylonischen Gefängnisses annimmr. Schon frühzeitig näherte sich die hebräische Sprache/ vorzüglich in den nördlichen Gegenden -Palästina'6, die an Aramäa grenzten, dem aramäischen Idiom, und die Aramaiömen in der hebräischen Sprachform der heiligen Bücher, weit entfernt, daß sie auf das jüngere Entstehen eines Buches deuten, sind im Gegentheile, der geschichtlichen Priorität des aramäischen Dialekts zufolge, Archaismen, deren sich vorzüglich die Poesie bedient. Der Aramaismus trug keineswegs einen plötzlichen Sieg davon , die hebräische Schwcstersprache hatte sich schon früher seinen Einflüssen freiwillig geöffnet. Er gelangte keineswegs zu einer unumschränkten Herrschaft, er äußerte nur, begünstigt durch die babylonische und später syrisch-seleucidische Souveränität über Palästina, eine überwiegende Uebcrgewall auf die jüdische Volkssprache. Die hebräische Sprache hörte nie auf, auch nicht im Munde des Volkes, mit dem Andrange aramäischer Eigen thümlichkeit zu kämpfen. Das Aramäische wurde n_ie rein gesprochen, sondern war in vielfachen Abstufungen immer unter stärkerer oder schwächerer Reaktion des hebräischen Elementes, die Vulgärsprachc der Juden. — Nicht eine Einzige Stelle der nachexilischen heiligen Schriften beweist die aller Vernunft und Erfahrung widerstreitende Lhatsache, daß die Juden innerhalb siebzig Jahren die hebräische Sprache verlernt und als Muttersprache das Aramäische mitgebracht hätten. Mit welch heiligem Eifer straft Nehemija jene Männer, deren Kinder, wegen ihrer asvodischen Mutter, bald Asdodisch, bald Hebräisch sprachen und nicht rein Jüdisch sprechen konnten! Die 'Profeten Hagai, Zacharia und Maleachi weissagten nach der Rückkehr aus dem Exil, und in welcher andern Sprache, als in der hebräischen, ergingen ihre Weissagungen an das Volk? Das Bußgebet, welches die Leviten nach der Ersten Feier des Laubenfestes aussprachcn (Neb. 9, 5), ist rein-hebräisch. Selbst die Behauptung, daß Ezra der Begründer des-Targum, oder der aramäischen Uebertragung der heiligen Bücher, beruhet nur auf einer schwachen Tradition.— Das Hebräische wurde also nie gänzlich, selbst nicht aus dem Verkehr des Volkes, durch daS Aramäische verdrängt. Die Gnonrologie Josua Ben Sira's, die in der Misna Abot unS erhaltenen Lieblingssentenzen der Männer der großen Synagoge und der Synedren, die Tempelliturgie und .die Synagogalgrbere waren hebräisch. (Fortsetzung folgt.) Redacttur: Dr, L. Philippsott. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirfchfeld. .

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