Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 16 (1920)
- Issue
- Heft 1-6 (Januar 1920)
- Article
- Die ostjüdische Einwanderungsbevölkerung der Stadt Berlin
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German
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dustrie wurden sie anfänglich nur als Zwischenarbeiter, Packer und Sortierer beschäftigt. Diese Konstellation änderte sich aber mit der wachsenden Nachfrage nach Arbeitskräften und ganz besonders mit der Einführung der Maschinenarbeit in diese Fabrikation, Die entscheidenden Änderungen der Betriebstechnik und der Arbeiterverhältnisseinnerhalb der Zigarettenindustrie reichen zurück in das Jahr 1906. Damals wurden sehr viele russische Juden ausgewiesen, die infolge der Revolution während der Jahre 1904—1906 hier eingewandert waren. Die erste Folge dieser Ausweisungen war für die Berliner Zigarettenindustrie ein sehr fühlbarer Arbeitermangel. Dieser Mangel steigerte sich zu einem solchen Notstand, daß einige Fabriken sich aus diesem Grunde entschließen mußten, außerhalb Groß-Berlins in anderen Industriezentren oder in kleineren Städten Filialwerkstätten zu errichten. *) In allen vorhergehenden Jahren entsprach der Zuzug russischer Arbeiter dem Wachsen der Industrie. Es war hier eine leidlich ausreichende Arbeiterschaft vorhanden. Durch die Ausweisungen war aber nicht nur das Angebot bedeutend verringert worden. Verhängnisvoller war, daß auch der Zuzug neuer russischer Arbeiter dadurch unterbunden war und daß der Bestand einheimischer Arbeiter noch allzu gering war. Damals wurden Versuche sre- <=—" KJf macht, Berliner Mädchen für die Zigarettenarbeit zu gewinnen. Aber das Angebot ungelernter Mädchen entsprach bei weitem nicht der allgemeinen Nachfrage. Gerade in Berlin war die Zigarettenindustrie noch zu jung, als daß Arbeiterinnen, die Beschäftigung suchten, sich mit dem Gedanken vertraut machen wollten, hier tätig zu werden. Die Arbeit erschien um so weniger anziehend, Jahrbuch der Ältesten der Berliner Kaufmannschaft, 1907. als eine längere Lehrzeit dazu nötig war- Der sehr starke Arbeitermangel führte zu Lohnerhöhungen um 4—10 %. Gleichzeitig wurde die Zigarettenindustrie durch die Einführung einer Steuer schwer beunruhigt. Das Gesetz vom 3. Juni 1906 belastete Zigaretten mit 1,50 Mark bis 10 Mark pro 1 000 Stück und Zigarettentabak mit 0,80 Mark bis 7 Mark pro Kilogramm. Durch diese vermehrten, sehr drückenden Kosten sahen sich die Fabrikanten gezwungen, teilweise Qualitätsreduzierungen vorzunehmen und zwar durch Übergang von Handarbeit zum maschinellen Betrieb für einfache und mittlere Marken. Schon längere Zeit vorher, etwa seit 1898, waren zunächst in einer Fabrik in Berlin Zigarettenmaschinen eingestellt. Aber in der Zigarettenbranche galt die Maschinenarbeit als Leistung fünften Ranges. Die maschinell fabrizierten Zigaretten waren zu fest gestopft und fast ganz ausgeschüttet oben. Auch waren sie aus schlechtem Tabak hergestellt. Der Preis allerdings war dementsprechend gering. In feinster Verpackung und mit Golddruck kosteten 1 000 Stück dieser Sorte komplett 3,00 Mark. Nach und nach hatten mehrere Betriebe Motore eingestellt und wenigstens die Hülsen mit Pappmundstück maschinell angefertigt. Aber diese Hülsen waren nicht geklebt, sondern erschienen wie gesteppt Und es war stark auch gegen diese Maschinenarbeit propagiert worden, Sie wurden in größerer Zahl fast nur von Leuten gekauft, die sich ihre Zigaretten zu Hause selbst stopfen. Für die Fabrikation hatten sie wenig Bedeutung. Noch im Jahre 1905 wurde nach einem Bericht der Berliner Handelskammer die Ware fast nur durch Handarbeit hergestellt. Jetzt sahen sich trotz allen Widerstrebens die Fabrikanten gezwungen, zur Maschinenarbeit überzugehen. (Fortsetzung folgt) Für die Rsdaktion verantwortlich: Rechtsanwalt Dr. Bruno Blau, Berlin-Charlottenburg. — Verlag von Max Schildberge r- Inhaber ArthurSchlesinger Berlin W 62; Schillstraße 3. Druck von E. G r fl m r. Bernau bei Berlin,