Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 15 (1919)
- Issue
- Heft 5-7 (Mai 1919)
- Article
- Die jüdische Bevölkerung in Hamburg
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 96 (sequence 32)
- Language
- German
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- 96 - schaft, durch die Versorgung des Bedarfs derselben, ernährten. Eine * Bedeutung hat das Hamburger Getreidegeschäft erst seit dem Zollanschluß im Jahre 1888 ge* wonnen. Nach dieser Zeit entstanden die großen Spezialgeschäfte, die durch die neue Art ihrer Darbietung und Organisation den Wettbewerb bedeutend verschärften. Die Folge war eine hohe Steigerung der Unkosten auf der ganzen Linie, die es nur den kapitalkräftigsten Unternehmern ermöglichte, mit der Entwicklung gleichen Schritt zu halten. Der Höhepunkt der Neugestaltung kam im Warenhaus zum Ausdruck, das die Konkurrenz noch stärker vermehrte, indem es den Detailhändlern der ganzeu Stadt den Platz an der Sonne streitig machte und die Neugründung noch weiter erschwerte, indem es den kleinen und kleineren Geschäften fast aller Branchen die Existenzmöglichkeiten raubte. Und schließlich begünstigte die Konzentrationstendenz im Detailhandel auch die Ausschaltung im sonstigen Handel, hauptsächlich der Händlerschaft und Grossisten: die großen Betriebe *—» sind eher darauf bedacht, ihre Bezüge aus erster Hand zu decken als kleine Unternehmungen, die nur geringe Quantitäten benötigen. Diese umbildende und neugestaltende Entwicklung im Handel mußte zuerst auf diejenigen wirken, die sich an diesem Kampfe am zahlreichsten beteiligten. Das aber waren die Juden, und nun ergibt sich die merkwürdige Erscheinung, daß es Juden sind, die als erste zum Großbetrieb drängen — fast alle Warenhäuser Hamburgs sind in jüdischen Händen — und daß es wiederum in der Mehrzahl Juden sind, die dadurch in ihrer Position bedroht, vom selbständigen Unternehmer zum Angestellten sinken, wenn sie es nicht vorziehen, überhaupt einen anderen Beruf zu ergreifen, der ihnen bessere Möglichkeiten der Entwicklung bietet. Hier aber ist die Stelle, wo die Linien jüdischer und nichtjüdischer Berufsentwicklung auseinandergehen: der nichtjüdische Unternehmer, den die Not zwingt, Angestellter zu werden, bleibt meist sein ganzes Leben hindurch in abhängiger Stellung, wenn die Entwicklung seines Berufes ihm keine andere Wahl läßt. Auch wird ein andersgläubiger Erwerbssuchender beim Beginn seiner Laufbahn nicht abgeschreckt, einen Beruf zu wählen, von dem er genau weiß, daß ihm doch keine Möglichkeiten zu selbständiger ungebundener Entfaltung geboten werden. Anders der Jude. Für ihn bedeutet die Freiheit seiner Persönlichkeit bei der Berufsausübung eine Notwendigkeit. Zwingt ihn der wirtschaftliche Fortschritt hinunter auf die Stufe des Angestellten und ist er selbst nicht mehr elastisch genug, um sich neue eigene Wege zu suchen, so kann als sicher angenommen werden, daß seine Kinder nicht mehr in dem Berufszweig des Vaters anzutreffen sind, der ihnen das Vorwärtskommen erschwert. Und so ist auch die Abnahme jüdischer Beteiligung oder die geringere Betätigung der Juden in manchen Berufen auf derartige Beweggründe zurückzuführen. Für den Detailhandel kommt noch als wesentliches Moment hinzu, daß als natürliche Reaktion auf seine Entwicklung starke Gegenströmungen zu seiner Ausschaltung sowohl von seiten der Konsumenten als auch der Produzenten einsetzen. Wieder zeigt sich dasselbe Bild: Juden, die von dieser neuen Strömung entwurzelt werden und andererseits Juden als Bahnbrecher, die den wirtschaftlichen Prozeß durch Ausschaltung des Detailhändlers ökonomischer gestalten wollen. Für Hamburg ist besonders die Vereinigung der Konsumenten durch die Konsumgenossenschaft der „Pro-