Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 15 (1919)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1919)
- Article
- Die berufliche und soziale Gliederung der Juden in Oesterreich
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 4)
- Language
- German
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2:2 die meisten aus Unwissenheit tun, bleibt aber immerhin die schwächste Position, im Vergleich zur Berufsgliederung anderer Nationen im Staate. So war die, polnisch sprechende Bevölkerung mit 60, die Ruthenen sogar mit 91 vom Hundert ihres Bestandes der Landwirtschaft zugehörig; die minder agrarischen Völker: die Deutschen zählen 30, die Tschechen 39 in der Landwirschaft, somit ein Mehrfaches dessen, was die Juden aufzuweisen haben. Besser ist es um die jüdische Industrie und das Gewerbe bestellt. In dieser Berufsklasse sind 325162, etwa 'u aller österreichischen Juden beteiligt. Dieser Prozentsatz steht aber noch immer um 15 vom Hundert hinter dem österr. Gesamtdurchschnitt! zurück. Die Juden bleiben, was ihre Industriebeteiligung anbetrifft, um 12 vom Hundert ihrer Bevölkerung gerechnet, hinter der tschechischen Relation und etwas weniger hinter der deutschen. Dagegen übersteigt der jüdische Anteil den polnischen (die Juden Galiziens miteingerechnet) um ca. 10. Von den Religionsgemeinschaften des Staates sind die Evangelischen mit 37 vom Hundert ihres Bestandes in der Industrie beteiligt, dann folgen die Römisch-Katholischen mit 30 und endlich an dritter Stelle die Juden mit 25 vom Hundert ihres Gesamtstandes. Die eigentümliche Berufsgliederung: eine nur schwach entwickelte Landwirtschaft bei mäßig fortgeschrittener Inchistriealisierung der Bevölkerung in Oesterreich findet ihre kompensative Sättigung in dem alle anderen Berufsarten überwuchernden Handel und Verkehrsgewerbe, welche Berufsklasse das Gros der jüdischen Bevölkerung in Oesterreich einschließt. 680692 Juden, mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung in Oestereich, zählt zu dieser Berufsklasse, bei einem Handelsdurchschnitt der gesamtösterreichischen Bevölkerung von nur 12 vom Hundert.*) Diese einseitige berufliche Verschiebung zugunsten des Handels ist maßgebend für das jüdische Wirtschaftswesen im Allgemeinen. Denn vergleicht man die Zahl der in der Sachgütererzeugung (Landwirtschaft und Industrie) einerseits, und der im Umsatzverkehr (Handel und Verkehr) Tätigen, so fällt bei den Juden ein großes Mißverhältnis zwischen diesen zwei Größen auf. Auf je 1000 in der Sachgütererzeugung berufstätigen Juden entfallen 1 479, also l12 soviel Handeltreibende, während die entsprechende gesamtösterreichische Relation nur 130 im Handel Tätige auf je 1000 Sachgüter Produzierende beträgt. Der jüdische Wirtschaftstypus ist somit ein eigenartiger von exquisit spezifischem Charakter. Denn unser Wirtschaftskreis ist kein geschlossenes Ganzes, kein sich selbst genügendes System,**) sondern sowohl von der Produktion, wie auch von der Konsumtion der fremdrassigen Umgebung abhängig. Diese unsere wirtschaitliche Funktion, die uns den Stempel des berufsmäßigen Vermittlers aufdrückt, hat weitgehende wirtschafts-politische und sozial-kulturelle Folgen, auf die wir aber hier nicht eingehen möchten. Die Juden sind das stärkste Handelselement in Oesterreich. Die Deutschen, welche ihnen am nächsten stehen, zeigen eine Anteilziffer im Handel bis 17 vom Hundert ihrer Gesamtzahl. Die andern Nationen haben niedrigere Werte aufzuweisen. *) Von der österreichischen Gesamtbevölkerung zählen 13842707 zur Landwirtschaft, 7562 508 zur Industrie, 3539448 zum Handel, und 3626IM entfallen auf die letzte Berufsklasse D. '**) In dem Maße versteht sich, in welchem man im Rahmen der Weltwirtschaft von einem solchen sprechen kann.