Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 12 (1916)
- Issue
- Heft 7-9 (Juli 1916)
- Article
- Gebrechlichkeit der Juden in Groß-Berlin
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 105 (sequence 1)
- Language
- German
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— loö — Gebrechlichkeit der Von Dr. J a c o b Es fehlt bisher an einer Spezialuntersuchung über die Verteilungder Gebrechlichkeit innerhalb der einzelnen Konfessionen. Grund hierfürist der Mangel au genügendem Materia!. Man weiß wohl aus Volkszählungen wieviel Gebrechliche in einzelnen Ländern und Städten sich unter den Bekennern der Hauptkonfessionen befinden, man kann sogar ihre Zahl gegliedert nach den wesentlichsten Merkmalen der Gebrechlichkeit (Blindheit, Taubstummheit, Geisteskrankheit und Geistesschwäche) für längere Zeit zuriickverfolgen, man wird aber naturgemäß bei einer Betrachtung immer an der Oberfläche bleiben müssen, weil es an einer Gruppierung der zu untersuchenden Personenklasse nach natürlichen und sozialen Gesichtspunkten fehlt. Es ist daher zu begrüßen, daß das Material der Volkszählung 1910 dazu benutzt worden ist, um die jüdischen Gebrechlichen in Berlin, Charlottenburg, Schöneberg, Wilmersdorf, Neukölln und Lichtenberg nach den für uns als notwendig befundenen Merkmalen auszuzählen. Sie sind in vier große Gruppen eingeteilt worden, die auch bei der amtlichen Bearbeitung in Berlin für die Gesamtbevölkerung ausgeschieden worden sind: Blind auf beiden Augen, Taubstumm Geisteskrank allein, Geistesschwach allein. Bei den Blinden und Taubstummen wurde außerdem das gleichzeitige Vorkommen mehrerer Gebrechen ermittelt. Die Masse der Gebrechlichen wurde nach Geschlecht, Alter, Familienstand, Gebürtigkeit, Beruf und Staatsangehörigkeit gegliedert. So sind wir in der Lage, wenigstens eine ausgewählte Zahl von gebrechlichen Personen eingehender zu studieren. Zwei Punkte sind aber zu berücksichtigen, die uden in Groß-Berlin. 5 e g a i I , Berlin, uns hindern müssen, aus unseren Ergebnissen allgemeine Schlüsse zu ziehen, einmal der Umstand, daß wir es liier mit einer großstädtischen Bevölkerung zu tun haben, die ja einen Typ für sich darstellt, und zweitens die Tatsache, daß es uns an der Möglichkeit fehlt, den Verhältnissen nachzugehen, aus welchen die Gebrechlichen herstammen. Nur ein sorgfältiges Eingehen nach dieser Richtung, insbesondere die Behandlung der ganzen Frage im Zusammenhang mit den Verwandtenehen würde Licht in das dunkle Gebiet werfen. Wir müssen uns daher hier begnügen, das uns zur Verfügung stehende Material, soweit wir dazu in der Lage sind, einei Betrachtung zu unterziehen. Wir steilen an erster Stelle die vier oben aufgezählten Kategorien der Gebrechlichen in den fünf Stadtgemeinden innerhalb der jüdischen und Gesamtbevölkerung einander gegenüber. Die Verteilung der Gebrechlichen in Berlin weicht von jener in den anderen Stadtkreisen sehr bedeutend ab. In Berlin sind unter den jüdischen Gebrechlichen die Taubstummen am stärksten vertreten (117— 41,5 %), dann folgen die Geistesschwachen (95=;]3,6 %), an dritter Stelle stehen die Blinden (49=17,4 %) und an letzter Stelle die Geisteskranken (21=7,5 °o). Im Gegensatz hierzu bilden in den übrigen Stadtkreisen, mit Ausnahme von Neukölln, die Geisteskranken das Hauptkontingent. In Charlottenburg machen sie 101=71,1 %, in Schöneberg 33=68,7 in Wilmersdorf 10=31,2 % und in Lichtenberg 32, d. h. fast die Gesamtzahl der Gebrechlichen aus. Innerhalb der Gesamtbevölkerung sind in Berlin die Geistesschwachen am stärksten