Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 12 (1916)
- Issue
- Heft 7-9 (Juli 1916)
- Article
- Die Geburtenfrage bei den deutschen Juden
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 90 (sequence 12)
- Language
- German
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— *G ~ Judentum sehr ernste Seite. Gerade der Umstand, daß die jüdische Säuglingssterblichkeit einen Standpunkt erreicht bat, unter den sie kaum noch sinken kann, legt zusammen mit der Tatsache des Stillstandes der jüdischen Bevölkerung die Befürchtung nahe, daß für das Judentum die Zeit gekommen ist, in der ein weiteres Sinken der Geburten oder selbst nur ein Verharren auf dem vor dem Kriege gegebenen Stand eine selbstmörderische Gefahr in sich birgt. Denn wenn auch ein Teil des jüdischen Bevölkerungsstillstandes und relativen Rückganges darauf zurückzuführen ist, daß durch Taufe und Mischehe dem Judentum Bevölkerungsteile verloren gehen, so enthebt uns diese Begründung doch nicht der Sorge und der aus ihr erfließenden regenerativen Aufgabe, die dahin lautet: Wie kann diesem Stillstand, der ein Rückgang ist, Einhalt geboten, auf welche Weise kann die Geburtenwilligkeit bei den Juden erhöht werden? Manche meinen, das könne dadurch geschehen, daß man an das generative Verantwortlichkeitsgefühl appelliere und die dementsprechende sittliche Forderung erhebe. Nichts könnte irriger sein. Das generative Verantwortlichkeitsgefühl der allermeisten ist sehr rege, wenn es sich darum handelt, den — anderen das Gewissen zu schärfen. So ist auf diesem Weg wenig oder nichts zu erreichen. Dagegen haben uns unsere Darlegungen wertvolle Anhaltspunkte anderer Art gegeben. Wir konnten zeigen, daß die Lösung der Geburtenfrage im Sinne einer Zahlenerhöhung in gewissem Umfang ein Produkt des Nahrungsspielraumes und der ökonomischen Lebenssicherung überhaupt ist. Dieser Weg muß auch für die Lösung der jüdischen Bevölkerungsfrage beschritten werden. Freilich von einer anderen, als der wirtschaftspolitischen Seite her. Ge- ■ wisse Sicherheiten in dieser Richtung gibt den Juden ihre Intelligenz, ihr Fleiß und : Ihre Tüchtigkeit. Was sie sich aber nicht | aus eigenem schaffen können, ist — und I damit kehren wir zum Ausgangspunkt \ unserer Schlußbetrachtung zurück — die I auch ihnenx gleich allen anderen Staats-! bürgern zu gewährleistende soziale und staatjlicheGerechtigkeit,SicherheitundGeltung.So! lange die bürgerliche Gleichberechtigung | der Juden nur ein Stück Papier ist, solange j man im Staate zuerst nach der Konfession j und dann erst nach der Tüchtigkeit fragt, \ fehlt den Juden der Antrieb, Kinder in die : Welt zu setzen, denen sie keinerlei Sieher- \ heilen, sondern ein lebenslanges Martyrium! mit auf den Lebensweg zu geben haben. Man unterschätze die Bedeutung nicht,; die die Lösung der Judenfrage und der i Geburtenfrage bei den Juden nicht nur für; diese selbst, sondern mindestens ebenso für i die Allgemeinheit hat. Die Juden sind ein wertvolles Bevöl; kerungselement Das tut dieser Krieg wiederum; dar, an dem sie, draußen im Feld und j drinnen im Land unter Einsetzung all ihrer : Kraft unter vorbehaltloser Hingabe an das Vaterland teilnehmen. Sie setzen sich ein und halten aus, obwohl nicht Ehren und; Orden, sondern gar oft nur Kränkung und Zurücksetzung ihrer wartet und ihnen lohnt. , Und ungezählte Male hat die Geschichte es dargetan, was das Judentum für das Volkstum, dem es angehört, mit dem es . eins geworden ist, zu bedeuten vermag. Der Niedergaug Spaniens hebt mit dem : Tage an, an dem es seine Juden verstieß, : und wie weise war jener Kalif, der den; Vertriebenen in Saloniki usw. eine neue i Heimat gab! So steht heute auch das deutsche Volk; an dem Scheidewege, ob es seine Juden, die nicht deutsche Juden, sondern jüdi-