Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 12 (1916)
- Issue
- Heft 4-6 (April 1916)
- Article
- Die Bewegung der jüdischen Bevölkerung in Preussen, Bayern und Hessen von 1910 bis 1914
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2650397-3187759-3187761-3194120--4686-3194138- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 26 - volkerung fordert, bedingen in erster Linie einen positiven Bevölkerungsverlust. Selbst unter der Voraussetzung, daß die Geburtenzahl während des Krieges nur unwesentlich abnehmen würde, muß durch die gewaltige Erhöhung der Sterblichkeitsquote ein Minus der Bevölkerungszunahme gegenüber der Friedenszeit eintreten. Nun nimmt aber naturgemäß während des Krieges auch die Geburtenzahl ab, es tritt daher eine doppelte Schwächung des Bevölkerungswachstums ein. Je günstiger aber innerhalb einer Bevölkerung die Reproduktionstätigkeit ist, um so weniger wird sie das Nachlassen im Wachstum spüren. Ernster liegen die Dinge aber dort, wo schon im Frieden die Geburtenzahl einen sehr tiefen Stand erreicht hatte und die Sterblichkeit ebenfalls bereits so weit gesunken war, daß durch die Verringerung dieses Faktors eine günstigere Gestaltung . der Bevölkerungsbilanz nicht zu erwarten war. Dann kann nämlich schon infolge der positiven Verluste an Männern ein tatsächlicher Bevölkerungsrückgang eintreten. Der Zugang an Geburten genügt eben nicht mehr, um den Abgang durch Tod zu decken. Dieser Fall tritt ein in der Entwicklung, welche die deutsche Judenheit durch den Krieg nimmt. Es liegen bis jetzt allerdings nur zuverlässige und brauchbare Angaben für die preußischen Juden vor, es ist aber ohne weiteres anzunehmen, daß bei den Juden im außer preußischen Gebiete des Deutschen Reiches dieselben Erscheinungen sich zeigen werden, die wir an den preußischen Juden beobachten können. Bereits in den letzten Jahren vor dem Kriege betrug die natürliche Zunahme der preußischen Judenheit nur noch einige hundert Personen, der Krieg hat zu einem Ueberwiegen der Todesfälle über die Zahl der Geborenen geführt, mithin zu einer tatsächlichen Abnahme der jüdischen Bevölkerung. Das Nähere hierüber wollen wir später an der Hand der Tabellen mitteilen. Die negativen Wirkungen des Krieges äußern sich nach mehrfacher Hinsicht. Zunächst bewirkt schon die jahrelange Abwesenheit fast der gesamten männlichen verheirateten und ledigen Bevölkerung, die für die Fortpflanzung in Frage kommt, eine erhebliche Minderung der Geburten. Der Tod von Verheirateten hat in all den Familien, die nicht durch abermaliges Heiraten der Witwe ihre Existenz fortführen, ein Aufhören der Fortpflanzung zur Folge; die Verluste an Ledigen bedeuten den Entgang der von ihnen in der Zukunft zu erwartenden Nachkommenschaft Auch diese beiden Momente sind für die deutschen Juden von besonderer Bedeutung. Bekanntlich ist das durchschnitt- | liehe Heiratsalter bei ihnen höher als bei! der übrigen Bevölkerung, so daß unter den durch den Tod gelösten jüdischen Ehen ein relativ größerer Bruchteil von solchen ist, die nur eine kurze Zeitspanne bestanden, mithin die Aufgabe der Bevölkerungsvermehrung nur in schwachem Maße erfüllten. Mit andern Worten: unter den gefallenen verheirateten Nichtjuden hat sich ein stärkerer Prozentsatz von Personen befunden, die eine längere Ehedauer hinter sich hatten und demzufolge die Fortpflanzung förderten, als unter den verheirateten Juden. Deren Fortfall bringt daher eine relativ größere Quote von Ehen entweder nicht zur Entfaltung oder zu einem vorzeitigen Abschluß. Schwer ins Gewicht fällt bei den Juden ferner der Umstand, daß seit etwa 40 Jahren in einem steigenden Grade die Fruchtbarkeit abgenommen hat. Es war daher beiAusbruch des Krieges die Zahl der jüdischen Familien nicht gering, die nur z weiSöhne oder gar nur einenSohn besaßen. Der Tod dieses Sprossen hat mithin das Erlöschen der Familie zur Folge.