Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 11 (1915)
- Issue
- Heft 10-12 (Oktober 1915)
- Article
- Die jüdische Bevölkerung Galiziens 1867 - 1910
- Date
- 1915-10-01
- Page
- Seite 104 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 104 — sichten (man weiß, wie weit er an Feiertagen wandert, um ein Minjan zu erreichen), schließlich auch mit Rücksicht auf seine Familie (Erziehung), weil er unter Juden seinen Kindern eher die Anfangsgründe der jüdischen Wissenschaft erlernen lassen kann. Diese Motive treiben die jüdische Bevölkerung in die nächste Nähe der Städte und Märkte, Die Gutsgebiete sind Reste polnischer Feudalwirtschaft; sie haben eine eigene administrative Verwaltung, unterstehen also nicht der Gemeinde. Auf dem Gebiete des Gutskomplexes stand das Wirtshaus, die berüchtigte „Karczma", als radiziertes Gewerbe des Gutes. Diese „Karczma" ist ein Stück polnischer und jüdischer Wirtschafts¬ und Kulturgeschichte. Die Schanker waren Juden, zugleich waren sie Pächter der Gutsherrn, Händler und buchstäblich dessen Hoflieferanten; die alte polnische „Karczma^ ist gewiß eine eigentümliche Erscheinung, welche nicht einer tragikomischen Seite entbehrt. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung auf diesen Gutsbezirken haben wir oben angeführt: sie zeigt dasselbe Bild wie bei den Dörfern, und zwar sowohl in Westals in Ostgalizien, dasselbe Zusammenschrumpfen in jenem und Steigen in letzterem, während ein fortwährendes Sinken seit 1890, und zwar sowohl absolut wie auch relativ im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung des Gutsgebietes zu verzeichnen ist. III. Die jüdische Bevölkerung in den Städte n*). Zunächst eine wichtige Vorbemerkung. Wenn von den Städten Galiziens die Rede ist, so sind diese blos im Sinne der österreichischen Gesetzgebung und *) Vgl. meinen Aufsatz: „Die jüd. Bev. in den Städten Galiziens" im Februarrieft dieser Zeitschrift 1913. Hier wird das Material ergänzt Verwaltung aufzunehmen, nicht aber in ökonomischer Beziehung. In Galizien sind die Städte in drei Kategorien eingeteilt: 1) Krakau und Lemberg mit eigenem Statut; 2) 30 Städte, welche auf Grund des Gesetzes vom 13. März 1889 organisiert sind. Es sind dies zumeist Städte mit Kreisgerichten, welche schon zur Zeit Kaiser Josephs II. Sitze von Kreisämtern waren; sonst gehören hierher noch die Städte Wadowice, Jaslo, Czortkow und Sanok; 3) 136 Kleinstädte (darunter sind auch Marktflecken und sogar 5 Dörfer), welche dem Gemeindegesetze vom 3. Juli 1896 unterliegen, mit 2—8000 Einwohnern, die gewöhnlich Sitze von Bezirksgerichten und häufig auch von Bezirkshauptmannschaften sind. In kulturgeographischer und sozialer Hinsicht sind die galizischen Städte zum großen Teile Gebilde, die weit davon entfeint sind, als Städte bezeichnet werden zu können. Eine genaue Betrachtung der meisten Städte vom Zentrum bis zum äußersten Nord- und Südosten (Nachbarschaft Rußlands und Ungarns, also zweier Agrarstaaten!) beweist, daß in Galizien offenbar eine zwerghafte Stadtform vor-! herrschend ist, eine nicht oder noch nicht ausgereifte Stadtform. — Der Kulturgeograph Erwin H a u s 1 i c k meint, daß die galizischen Städte von Biala, als der Grenze, ab nicht mehr den westlichen, sondern einen I osteuropäischen Stadttypus repräsentieren, | was zunächst aus der wirtschaftlichen Struktur j der Bevölkerung leicht ersichtlich ist. Galizien | ist noch heute das Land, wo in manchen! Städten fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung I von der Landwirtschaft lebt. Es fehlt der | Gegensatz zwischen Stadt und Land, welcher! darin besteht, daß das Dorf die naturali wirtschaftliche, die Stadt hingegen die