Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1915-10-01 · Heft 10-12 (Oktober 1915) · p. Seite 98

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
11 (1915)
Issue
Heft 10-12 (Oktober 1915)
Article
Die jüdische Bevölkerung Galiziens 1867 - 1910
Date
1915-10-01
Page
Seite 98 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2650397-3187753-3187758-3194024--4616-3194053
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 98 - begreifen zu können, denn nach unserer Meinung ist die These von der wirtschaftlichen Veranlagung der Juden falsch; ihre ökonomische Entwicklung ist eher ein Ausfluß wirtschaftlicher und sozialer Entwickungsmöglichkeit. Die Operationsbasis muß zunächst bekannt sein, um die wirtschaftliche Strategie zu begreifen. Die Siedlungsverhältnisse der Juden sind — was aus der Geschichte bekannt ist — mit ihren Schicksalsereignissen verknüpft. Seit dem Beginn der Zerstreuung gilt ihnen gegenüber eine äußere Gewalt: das gesetzliche Verbot nach verschiedener Richtung wirkte auf sie ein; es bezog sich entweder auf die Stadt, das Dorf, oder gar auf das ganze Land. So entstand die ungewollte Hemmung, die Juden wurden an Orte gebunden, sie wurden dort fixiert, wo sie ungewollt ihr Leben fristen mußten. Die Anpassung an die Verj hältnisse des notwendigen Aufenthaltsj orts mußte naturgemäß folgen undbegreiflicher-; weise zunächst auf dem Gebiete der Wirtschaft, j Da diese Zwangslage es mit sich brachte, daß ' die Juden nur in angewiesenen Territorien j wohnen durften, entstand Zerrissenheit und j wirtschaftliche Schwäche. Zwar trat inGalizien j mit dem Fall der Beschränkungen 1867 po_ j litische Freizügigkeit ein; allein eine unj gehemmte, normale Entwicklung konnte | erst mit der wirtschaftlichen Freij zügigkeit eintreten. Die Verfassung allein •-- | also ein Gesetz — kann nicht die Triebfeder; für Handlungen der menschlichen Gesellschaft j sein und das nakte Interesse aus dem \ Bereiche des Gesellschaftslebens ausschalten, j Für die Juden war die Aufhebung der Verj böte und der verschiedenen Beschränkungen j gewiß gleichbedeutend mit Freiheit und! staatsbürgerlicher Gleichstellung, allein für | die Wirtschaft war das zu wenig. Hier | herrscht unumschränkt das Recht der I Stärkeren, derjenigen,welche dichter nebeneinander wrohnen. in Massen beisammen leben. Das Recht, überall wohnen zu dürfen, das Aufhören des hemmenden Verbotes kam für die Juden etwas zu spät, sodaß eine revolutionäre Umwälzung der gesamten Siedlungsweise, eine völlige Veränderung der Struktur der Bevölkerung, welche zugleich mit der wirtschaftlichen Umschichtung verbunden gewesen wäre, ausgeschlossen erscheinen mußte. Die Juden mußten die im Zusammenhange mit ihrer Siedlung entstandenen wirtschaftlichen Funktionen ausüben. — SoistdieVerteilung der Juden auf Stadt und Land, ihr Verhältnis zur Bevölkerungskategorie anderer Nationalitäten nicht dem Zufall zu danken, beides sind vielmehr historisch gewordene Erscheinungen. Die Siedlung ist die primäre, die wirtschaftliche Entwicklung die sekundäre Erscheinung. I. Allgemeine Übersicht (1869 — 1910). Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes vom 29. März 1869 (RGBl. Nr. 67) beginnt in Österreich eine gut ausgebaute Bevölkerungsstatistik, welche den Anforderungen der Wissenschaft entspricht. Folgende Tabelle (I) gibt einen Gesamtüberblick über die Bewegung der Bevölkerung Galiziens bis in die neueste Zeit. Bis 1880 sehen wir eine günstige, ruhige Entwicklung der jüdischen Bevölkerung; die Sterblichkeitsziffer ist noch immer gering und der Moloch Emigration verschlingt wenig Opfer. So stieg die Bevölkerung im Jahrzehnt 1870-1880 um 110673 Seelen, d. i. um 19,3 tf. Infolge dieser schönen absoluten Zuwachsziffer stieg entsprechend auch der relative Anteil von 10,58 im Jahre 1869 auf 11,52 # im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.