Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 11 (1915)
- Issue
- Heft 2-3 (Februar 1915)
- Article
- Arbeiter-Kolonie, Brockensammlung, Arbeitsnachweis, Darlehnsvereine
- Date
- 1915-02-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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— 18 - durch fremde Schuld heruntergekommen waren, und denen man die Hand bieten wollte zur Rückkehr in ein gesittetes Leben. Als Schlußstein der Wanderarmenorganisation war nun die Errichtung von Arbeiterkolonien : gedacht, wo diejenigen der in- und ausländischen Wanderbettler, die zwar arbeitswillig und arbeitsfähig sind, aber mangels einer Berufsausbildung und der erforderlichen allgemeinen Bildung auch mit Hilfe von Arbeitsnachweisen und Kapitalzuschüssen nicht in der Lage sind, sich eine Existenz zu gründen, aufgenommen und einige^Monate hindurch gewissermaßen eine Berufsvorbereitung erhalten sollten. Sie sollten; hier an eine geordnete Tätigkeit gewöhnt/werden, um dann, mit einem kleinen ersparten Kapital versehen, den Kampf ums Dasein von' neuem aufnehmen zu können. Es^fügte sich nun, daß die Gründung einer Arbeiterkolonie gewissermaßen den Beginn der Organisierung der Wanderarmenfürsorge darstellt. Der 'Kommission zur Regelung der Wanderarmenfürsorge , welche im Jahre 1899 gebildet wurde, bot sich durch einen günstigen Umstand die Möglichkeit, den oben geschilderten Teil ihres Programms sofort zu verwirklichen, indem ihr in Weissensee ein Grundstück von einem großzügigen Spender überlassen wurde. Die Jewish Colonisation Association in Petersburg (J.C.A.) bewilligte die Baukosten, und schon im Jahre 1902 konnte die Kolonie ihren Betrieb beginnen. Es besteht seitdem ein besonderer Verein .JÜDISCHE ARBEITERKOLONIE WEISSENSEE", der in seinen Statuten als Zweck anführt: Beschränkung der Wanderbettelei und Hebung der wirtschaftlichen und moralischen Lage notleidender Juden durch Aufnahme arbeitsloser aber arbeitsfähiger* und -williger Männer und deren Beschäftigung mit passender Arbeit, sowie Gewährung eines vorübergehenden Asyls für die Deutschland passierenden Auswanderer. In Deutschland ist der Gedanke, Arbeiterkolonien zu gründen, durch Pastor B o - delschwingh zur Verbreitung gelangt. Es entstanden in einzelnen preußischen Provinzen Vereine zur Bekämpfung der Wanderplage, welche sich die Errichtung von Arbeiterkolonien und Verpflegungsstationen zur Aufgabe stellten, um arbeitslosen Wanderern Gelegenheit zur Arbeit zu geben, damit sie sich durch eigene Kraft weiterhelfen könnten. Bis zum Jahre 1893 erstreckte sich die Tätigkeit dieser Vereine nur auf die Fürsorge für im ä n n 1 i c h e Personen, sowie auf die Schaffung von Arbeiterkolonien und Wanderarbeitsstätten. Seit diesem Jahre aber wurde ein eigener Centraiverband zur Förderung der Wanderarb eitsstätten begründet und die Interessenvertretung seiner Institute von den Arbeiterkolonien abgetrennt. Auch die weiblichen Arbeitslosen wurden nunmehr in den Fürsorgekreis aufgenommen, indem für sie Frauenheime und Frauenasyle ins Leben gerufen wurden. Die erste Kolonie entstand bei Bielefeld im Jahre 1882 mit350Plätzen. Sie war gedacht für gesellschaftlich gesunkene Wanderer, die sich wieder emporheben wollten. Es handelte sich vor allem um die Gewöhnung an die Arbeit, weshalb ein längerer Aufenthalt in Frage kam. Heute besteht ein Centraiverband deutscher Arbeiterkolonien in Potsdam, dem 35 Anstalten angeschlossen sind mit über 4900 Plätzen, in denen bis jetzt etwa 2 000000 Kolonisten beherbergt wurden. Natürlich läßt sich unsere Arbeiterkolonie nach keiner Richtung hin mit den allgej meinen Arbeiterkolonien vergleichen, einmal I wegen der naturgemäß nur geringen Anzahl | von Plätzen, die zur Verfügung sind, und