Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 11 (1915)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Article
- Die sprachlichen Verhältnisse der Juden in Österreich
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2650397-3187753-3187754-3193831--4458-3193854- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
7 — oder Landesteilen, insbesondere aus Böhmen, Mähren und Galizien, haben sich jedoch bereits zum Teile auch in ihrer früheren Heimat im Verkehr unter einander der deutschen Sprache als Verkehrssprache bedient, umsomehr in Wien, und geben daher naturgemäß größtenteils die deutsche Sprache als Umgangssprache an, selbst wenn sie dies in ihrem früheren Aufenthaltsorte, durch die dortigen nationalen Verhältnisse veranlaßt, nicht getan haben. In der Volkszählung 1900 waren in Wien 625 Juden mit böhmischer Umgangssprache angeführt; im Jahre 1910 ist ihre Zahl auf 270 herabgesunken. Die ziemlich zahlreichen Juden Wiens „ohne Umgangssprache, (im Jahre 1900 - 621, im Jahre 1910 — 585) sind zum größten Teile jedenfalls galizische Juden mit polnischer, in Miederösterreich nicht landesüblicher und infolgedessen auch nicht gezählter Umgangssprache. Niederösterreich (ohne Wien) weist gleichfalls rund 1000 deutsch sprechende jüdische Einwohner mehr auf, als im Jahre 1900, während im allgemeinen die Anzahl seiner jüdischen Einwohner um die gleiche Ziffer geringer geworden ist. Der Grund für diese Zunahme der deutsch sprechenden Bevölkerung ist darin gelegen, daß von den vor 10 Jahren vorhanden gewesenen zahlreichen Staatsfremden, hauptsächlich Ungarn, welche bei der Zählung der Umgangssprache nicht in Betracht kommen, viele inzwischen die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen haben und sich naturgemäß zur deutschen Nationalität bekennen. Oberösterreich und Salzburg weisen hinsichtlich ihrer fast durchwegs deutsch sprechenden jüdischen Bevölkerung keine wesentlichen Unterschiede auf. Was die drei alpenländischen zu einer Kultusgemeinde (Graz) vereinigten Herzogtümer Steiermark, Kärnten und Krain betrifft, so wies Steiermark bei der Volkszählung 1910 eine Vermehrung von rund 800 jüdischen Einwohnern deutscher Umgangssprache auf, wras auf die allgemeine Vermehrung der Juden dortselbst (um 600) zurückzuführen ist. Kärnten zählt mehr als doppelt so viel jüdische Einwohner deutscher Umgangssprache als vor 10 Jahren, während die Zahl dergleichfallsgrößtenteils deutsch sprechenden Juden in Krain die gleiche blieb. Alle 3 genannten Kronländer besitzen ziemlich viel staatsfremde Juden, hauptsächlich ungarische Staatsbürger. Einen Beweis dafür, daß die jüdische Bevölkerung nicht nur in den genannten Alpenländern, welche ihnen Jahrhundetere hindurch verschlossen waren, langsam Boden gewinnt, sondern daß dasselbe auch in dem berühmten Lande der Glaubenseinheit, dem „heiligen" Lande Tirol, wo eine Zunahme von 60^ zu verzeichnen ist, der Fall ist, bildet die im vergangenen Jahre nach langem vergeblichen Bemühen erfolgte Errichtung der das ganze Land Tirol umfassenden jüdischen Kultusgemeinde Innsbruck, wodurch Tirol von der alten Kultusgemeinde Hohenems in Vorarlberg, der die Juden des ganzen Landes angegliedert waren, losgelöot wurde. In Tirol und Vorarlberg finden sich gleichfalls viele fremde Juden, und zwar dürften dieselben hauptsächlich italienischen und reichsdeutschen Ursprunges sein, zum kleineren Teile sind sie Schweizer Untertanen. In den nördlichen Kronländern war die deutsche Umgangssprache unter den Juden ziemlichen Veränderungen bzw. Rückgängen unterworfen. In B ö h m e n , wo ebenso wie vor 10 Jahren die größere Hälfte der Judenschaft sich zur böhmischen Umgangssprache bekannte, ist die Anzahl der deutsch sprechenden Juden um ungefähr 100 ge-