Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 11 (1915)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Article
- Die sprachlichen Verhältnisse der Juden in Österreich
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 — weitaus größte Teil der österreichischen Juden sich zur deutschen Umgangssprache bekannte. Mit der fortschreitenden Entwicklung und Erstarkung der Nationen Österreichs, der Einführung der sprachlichen Gleichberechtigung auf dem Gebiete des Schulwesens und der Verwaltung, der durch die Vermehrung der Unterrichtsanstalten in den Volkssprachen erfolgenden Erziehung der jüdischen Jugend in den einzelnen Volkssprachen haben sich freilich die Verhältnisse geändert. Die Juden konnten und wollten sich nicht der kulturellen Entwicklung der nichtdeutschen Völker verschließen, unter denen sie wohnten, sie paßten sich denselben auch vielfach sprachlich an und arbeiteten geistig innerhalb der betreffenden Nationen mit. Heute finden wir ebenso jüdische Namen unter den Trägern von Kunst und Wissenschaft und auf verschiedenen anderen Gebieten bei den Polen, Tschechen und Italienern Österreichs, wie unter den österreichischen Deutschen. Nichtdestoweniger läßt sich die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß die Juden selbst in jenen Gegenden, wo sie im Verkehre mit der Bevölkerung sich der Sprache derselben bedienen und infolgedessen die Sprache jenes Volksstammes, unter dem sie wohnen, als ihre Umgangssprache angeführt haben, die deutsche Sprache kennen und im Verkehre unter einander benützen, sodaß mit Recht von der deutschen Sprache als der unter den Juden Österreichs faktisch gebräuchlichsten gesprochen werden kann. Charakteristisch für die Würdigung der deutschen Sprache als Weltsprache seitens der Juden Österreichs ist insbesondere die Tatsache, daß von den Juden des im Osten exponierten, von 5 Nationalitäten bewohnten Ländchens Bukowina sich ungefähr 95 V zur deutschen Umgangssprache bekannten, weil sie in der deutschen Sprache in diesem Lande, welches seit seiner Angliederung an Österreich unter Kaiser Josef II. seinen Ehrgeiz darin setzte, gleichsam den Vorposten der deutsch-österreichischen Kultur im Osten zu repräsentieren, die Trägerin dieser Kultur erblicken, wie sie auch andererseits hierdurch eine unabhängige Stellung gegenüber den einzelnen Volksstämmen im Lande erlangen und auf Grund des für den dortigen Landtag herrschenden sprachlichen Kuriensystems wirksameren Einfluß besitzen. Infolge der vorgeschilderten politischen Verhältnisse hat die Zahl der deutsch sprechenden Juden Österreichs während der Zeit von 1900 bis 1910 abgenommen; wenn auch nicht faktisch, so doch statistisch, ist sie von 419,210 auf 339,981, sohin um rund 80,000 oder 8,4^ gesunken. Nachdem früher über 7s der gesamten Judenschaft Österreichs sich zur deutschen Umgangssprache bekannten, haben bei der letzten Volkszählung nur ungefähr 7* der österreichischen Juden die deutsche Sprache als Umgangssprache angegeben. Diese Abnahme der Juden mit deutscher Umgangssprache erstreckt sich eigentlich nur auf 2 Kronländer: Mähren und Galizien. In sämtlichen übrigen Ländern ist eine Zunahme der jüdischen Einwohnerschaft deutscher Umgangssprache zu verzeichnen, freilich in verschiedenem Maße. Nach Kronländern verteilt ergibt sich nachstehendes Resultat: In Wien selbst hat die Anzahl der deutsch sprechenden Juden um fast 3000 zugenommen, was auf die allgemeine Vermehrung der Juden in der Reichshauptstadt, insbesondere durch Zuwanderung zurückzuführen ist. Diese Zuwanderer stammen wohl, insoweit sie österreichische Staatsbürger sind, zum großen Teile aus nichtdeutschen Ländern