Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 11 (1915)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Article
- Die sprachlichen Verhältnisse der Juden in Österreich
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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- 4 — außer in ihren Stammländern Böhmen, Mähren und Schlesien (den Sudetenländern) auch noch in Niederösterreich, die polnische in Galizien und der Bukowina, ferner in Mähren und Schlesien, die slowenische in Steiermark, Kärnten, Krain und dem Küstenlande (Görz, Gradiska, Triest und Jstrien), die serbokroatische in Triest, Istrien und Dalmatien, die italienisch=iadinische im Küstenlande, Tirol und Dalmatien, die rumänische und magyarische in der Bukowina. Rein deutsch, sohin einsprachig, erscheinen bloss die beiden von Juden nur sehr spärlich bewohnten Kronländer Ober- Österreich und Salzburg. „Ohne Umgangssprache" erscheinen die Böhmen in den Alpenländern außerhalb Niederösterreichs, die Polen in sämtlichen Alpenländern, die Italiener in Galizien, die Rumänen und Magyaren außerhalb der Bukowina etc. Unter diesen Personen „ohne Umgangssprache* finden sich merkwürdigerweise in allen Kronländern Juden, ebenso wie sich andererseits in allen Kronländern Juden zur deutschen Sprache bekennen. Es ist dies eine Folge der Wanderbewegung der Juden, die als Träger von Handel und Verkehr ein bewegliches Element bilden und sich, seitdem sie nach Sprengung der Ghettomauern die Freizügigkeit geniessen, außerhalb der Grenzen ihrer Heimatsländer, ja selbst des Staatsgebietes ausbreiten und zur volkswirtschaftlichen Hebung jener Gebiete beitragen, in welchen sie sich niederlassen. Ebenso wie sie einerseits die deutsche Sprache in die entferntesten Gegenden trugen und hierdurch unbewußt Kulturarbeit leisteten, haben sie sich andererseits trotz der unverkennbar starken nationalen Verschmelzung, welche sie bei Zuwanderung in neues Gebiet vornahmen, von der Sprache ihres früheren Aufenthaltsgebiefes nicht vollständig emanzipieren können, und wenigstens zum Teile die Sprache ihres früheren Wohnsitzes als Umgangssprache selbst dann angeführt, wenn diese nicht zu den im Lande üblichen Sprachen gehört. Am stärksten erscheinen die Juden „ohne Umgangssprache" in Wien, Galizien und Böhmen, in den übrigen Kronländern erreicht ihre Zahl nirgends 100. Unter diesen Sammelbegriff wurden auch jene Juden zusammengefaßt, und zwar insbesondere in Galizien und Bukowina, welche den jüdischdeutschen Jargon (die jiddische Sprache) als Umgangssprache anführten, da dem namentlich von jüdisch-nationaler Seite geäußerten Wunsche nach Aufnahme dieser Sprache als landesüblichen nicht Rechnung getragen und sie sohin bei der Volkszählung nicht berücksichtigt wurde. Die Umgangssprachen der Juden Österreichs sind numerisch geordnet, folgende: polnisch, deutsch, böhmisch, ruthenisch, italienisch, rumänisch; in geringem Maße serbokroatisch, magyarisch und slowenisch. Als hauptsächlichste Umgangssprache der Juden Österreichs erscheint, wenn auch nicht numerisch, so doch faktisch die deutsche Sprache, welcher sich die Juden Österreichs in sämtlichen Kronländern bedienen. Die deutsche Sprache war seit jeher die Umgangssprache der Juden Österreichs; sie bekannten sich zu derselben, weil sie bis auf die neueste Zeit die, wenn auch nicht offiziell erklärte, so doch tatsächliche Staatssprache war, und weil sie in der deutschen Sprache ein Bindemittel zur westeuropäischen Kultur erblickten, wie dies auch bei den Juden Osteuropas, in Polen, Rußland und auf dem Balkan, der Fall ist. Wäre bereits bei den früheren Volkszählungen die Umgangssprache der Konfessionen festgestellt worden, so hätte dies sicherlich die Tatsache gezeigt, daß der