Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 10 (1914)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1914)
- Article
- Die Karäer
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 137 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- 137 — zu dem bedauerlichen Resultat führt, daß die natürliche Zunahme seit 1905minimalst und in den letzten beiden Jahren sogar negativ wird. Ist auch der im Jahre 1911 auftretende Überschuß an Sterbefällen in der beachtenswerten Höhe von 43 vielleicht teilweise einer zufälligen hohen Sterblichkeit zuzuschreiben, so ist ohnedem ein jährlicher Zuwachs von nur einigen Personen wohl imstande, die ärgsten Befürchtungen in Beziehung auf die Lebensprognose der Karäer zuzulassen. Und zwar ist letzteres umsomehr gestattet, als auch die Eheziffer eine sehr geringe ist und keine ausgesprochene Wachstumstendenz zeigt. Für die zerrütteten Lebensverhältnisse der Karäer ist es übrigens auch charakteristisch, daß während der in Rede stehenden 15 Jahre unter ihnen 103 Ehescheidungen vorgekommen sind; jede neunte Ehe gelangt somit zur Scheidung. Besser als die absoluten lassen uns die relativen Zahlen eine richtige Vorsteilung von der Biotik der Karäer erlangen. Wenn wir ein jährliches Mittel berechnen und dieses auf Promille der Bevölkerung beziehen, so ergiebt sich eine Geburtsziffer von 17,8, eine Sterbeziffer von 15,6 und eine Eheziffer von nur 5,3. Der Geburtenüberschuß beträgt somit 2,2. Um einen Begriff darüber zu erlangen, inwiefern diese Zahlen dem Durchschnittsmaß entsprechen, gebe ich hier folgende Zusammenstellung, Biotische Verhältnisse in Promille der Geburts¬ Sterbe¬ Zu¬ Eheziffer ziffer nahme ziffer Russen .... 53,4 34,3 19,1 9,5 Ruß. Juden . . 35,4 17,8 17,6 7,4 Preuß Juden. . 17,4 14,0 3,4 7,6 Karäer .... 17,8 15,6 2,2 5,3 Seit dem Aufleben der malthusischen Ideen läßt sich in dieser Beziehung von einem eigentlichen Durchschnittsmaß nicht sprechen, da die Geburtsziffer zu einer individuell variablen geworden ist, was sich auch von der Eheziffer sagen läßt. Dagegen ist die Sterbeziffer auch bei den besten hygienischen Einrichtungen nicht unter einen bestimmten Quotienten herabzudrücken, dessen Maß jetzt schon in den Kulturstaaten beinahe erreicht sein wird. Die preußischen Juden scheinen in ihren biotischen Äußerungen die zu ihrer Selbsterhaltung nötigen Werte beinahe erreicht zu haben, und mit einer weiteren Herabsetzung ihrer Geburtsziffer droht ihnen wohl der Untergang. Im Jahre 1897 standen dierussischen Juden in dieseer Beziehung unvergleichlich besser, da sie damals eine natürliche Zunahme von 17,6 zeigten, die jetzt aber entschieden, und zwar nicht unbedeutend zurückgegangen sein muß. Noch besser waren die Verhältnisse bei den Russen mit einer natürlichen Zunahme von 19,1; aber auch bei ihnen hat die Kultur das ihrige bewirkt, und die Geburtsziffer ist seitdem geringer geworden. Was nun die Karäer anlangt, so ist ihre Geburtsziffer die der preußischen Juden gleich, wogegen ihre Sterbeziffer um 1,6 höher ist, was wohl mit dem antisanitären Zustand Rußlands überhaupt im Zusammenhang steht. Diesem Umstand ist wohl die Schuld für die außerordentlich geringe natürliche Zunahme der Karäer zuzuschreiben, die vielleicht nur von den Franzosen übertroffen wird. Wir stehen somit vor einem nicht ganz fernen Untergang der Karäer, falls nicht Maßnahmen getroffen werden, die einem neuen Aufblühen dieses Völkchens förderlich sein könnten.