Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 10 (1914)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1914)
- Article
- Die Karäer
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 133 (sequence 2)
- Language
- German
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- 133 — nicht überbrückbar war. Viel klarer tritt uns aber die dogmatische Unterlage in den Streitigkeiten zwischen den Pharisäern und Sadduzäern entgegen, in denen schon die künftige Spaltung zwischen Juden und Karäern fast voll enthalten ist. Diese vollzog sich endlich in der zweiten Hälfte des achten nachchristlichen Jahrhunderts, als Asran b e n David, dessen antitalmudische Geistesrichtung bekannt war, bei der Besetzung des Exilarchats nach dem Tode seines Onkels Salomon umgangen wurde. Die von Asran gegründete Sekte der Karäer scheint anfangs großen Anhang gefunden und jedenfalls alle unzufriedenen Elemente um sich vereinigt zu haben. Dies ist daraus zu schließen, daß im Mittelalter an fast allen jüdischen Sitzen (außer Zentraleuropa) auch karäische Gemeinden in größerer oder geringerer Stärke vorhanden waren. Auch entwickelte das Karäertum eine ausgiebige literarisch-wissenschaftliche Tätigkeit, die aber schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit gänzlich stockte. Mit der Stockung des geistigen Lebens ist vielleicht auch das stete Aufgehen der karäischen Gemeinden in Zusammenhang zu bringen, eine Erscheinung, die allmählich soweit fortgeschritten ist, daß man jetzt Karäern nur auf einem beschränkten Gebiet in Osteuropa und in der Türkei begegnet. Es läßt sich somit die erfreuliche Tatsache feststellen, daß die mündliche Lehre dem Judentum nicht Abbruch getan hat. Die Gesamtzahl der Karäer läßt sich jetzt nicht genau feststellen, sie übersteigt kaum 18000. Die Hauptmasse wohnt in Rußland in einer Stärke von etwa 13000 Seelen, hauptsächlich in der Krim* Eine verhältnismäßig ansehnliche Gemeinde, deren Stärke wohl etwa 2000 Seelen betragen wird, ist in Kairo anzutreffen. Viel kleiner ist die Gemeinde von Konstantinopel, und endlich zählte Galizien einige winzige karäische Gemeinden, die aber bis auf die von Galitsch eingegangen sind. Es wäre von höchstem wissenschaftlichem Interesse, die biotischen Erscheinungen dieses kleinen abgeschlossen lebenden Völkchens kennen zu lernen, was jedoch nicht gut möglich ist, da in den Ländern, wo es sich aufhält, Volkszählungen n*cht regelmäßig ausgeführt werden. Die letzte russische Volkszählung vom Jahre 1897 läßt uns jedoch einen gewissen Einblick in die Biotik der Karäer tun, der umsomehr von Bedeutung ist, als die Zahl der russischen Karäer etwa neun Zehntel ihrer Gesamtzahl ausmacht. Die diesbezüglichen Daten entnehme ich hauptsächlich dem ersten Hefte der leider nur ein Jahr (1911—1912) in Moskau in russischer Sprache erschienenen Zeitschrift „Karaimskaia Shisn". Danach betrug die Gesamtzahl der Karäer in Rußland im Jahre 1897: Männer .6372 Frauen 6522 Insgesamt 12894 Die Karäer hatten somit damals einen Überschuß an Frauen in der Höhe von 150 Seelen, was einem Verhältnis von 1024 Frauen auf 1000 Männer entspricht. Dieses Verhältnis betrug zu jener Zeit bei den Juden 1 048 : 1 000 und bei den Russen 1 028: 1 000 und ist somit als im Bereiche der Norm stehend zu betrachten.1) In administrativ-religiöser Beziehung verteilen sich die Karäer auf zwei Zentren, und zwar auf Taurien mit dem Sitz in Eupatoria und auf Litauen mit dem Sitz Troki, wobei zu ersterem Zentrum auch das gesamte übrige Rußland gerechnet wird, was zu wissen für unsere folgenden Be- Die Vergleichszahlen sind hier wie im folgenden entnommen Ruppins Arbeit „Die sozialen Verhältnisse der Juden in Rußland", Berlin 1906.