Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 10 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Das Lernbedürfnis der preussischen Juden im Lichte der Statistik
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 88 (sequence 8)
- Language
- German
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- 88 — den Jüdinnen. Von den 189 jüdischen Studentinnen deutscher Staatsangehörigkeit studierten 58 Medizin, 8 Zahnheilkunde, also überhaupt 34 Heilkunde, 5 Jura, 16 Kameralia und Landwirtschaft, also zusammen weitere 11 sodaß für die Fächer, die eventuell für den Lehrberuf vorbereiten, etwa 55 % übrig bleiben. Freilich muß man erwähnen, daß diese Beschränkung vielfach keine gewollte ist, da die Anstellungsschancen für Juden an unseren meist konfessionellen Schulen keine günstigen sind. Wenn wir einleitend sagten, daß die Hochschätzung des Wissens bei den Juden uralt ist, so haben wir aus den vorliegenden Zahlen gesehen, daß dieses Wort auch heute noch gilt. Aber der relativen Verschiebung zugunsten gründlicherer höherer Bildung steht entsprechend der geringeren Kinderzahl eine abnehmende Quote der jüdischen Schüler auch auf höheren Schulen und an den Universitäten gegenüber. Das Bildungs problem wird zu einem populationistischen. Ob die Bewegung in diesem Sinne weitergeht, hängt weniger von der jüdischen als von der nichtjüdischen Bevölkerung ab, ob nämlich das Zweikindersystem, bei dem die Juden schon angekommen sind, auch bei dem nichtjüdischen Teil der Bevölkerung das herrschende wird, es sei denn, dass die Juden eher als die Nichtjuden sich entschliessen, für eine stärkere Vermehrung ihres Volksteils Sorge zu tragen. Die Juden der Stadt Keriscli. Nach unveröffentlichten Materialien von Wlad. W. Kaplun-Kogan, Köln. Die Stadt Kertsch (Rußland) gehört zu den ältesten jüdischen Niederlassungen in Europa, wenn sie nicht d i e älteste jüdische Kolonie Europas darstellt. Auf einer griechischen Tafel, die in der Eremitage zu St. Petersburg aufbewahrt wird und die aus dem Jahre 80—81 vor Chr. stammt, wird eine wohl organisierte jüdische Gemeinde und Synagoge zu Kertsch erwähnt; es ist deshalb höchstwahrscheinlich, daß Juden in Kertsch schon im Jahre 100—150 vor Chr. wohnten. Wir wollen die heutige Lebenslage der Juden der Stadt Kertsch erörtern, und zwar auf Grund einer Zählung, die im Herbst 1910 vom jüdischen Wohltätigkeitsverein zu Kertsch veranstaltet wurde;1) die Zählung hatte die Ermittelung der ökonomischen und kulturellen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung Kertsch's zum Gegenstande, und es hat einen ganz besonderen Reiz, sich die heutigen Lebensbedingungen und die innere Struktur dieser ältesten jüdischen Gemeinde Europas zu vergegenwärtigen. l) Die Fragebogen der Zählung sollten zuerst vom Wohltätigkeitsverein selbst bearbeitet werden; man konnte sich jedoch dazu nicht aufraffen, und so lagen sie drei Jahre unbearbeitet. Dank der Liebenswürdigkeit des Herrn Rechtsanwalt G. Kisselewski gelang es mir, in den Besitz der Materialien zu kommen, deren Bearbeitung in der vorliegenden Abhandlung geschehen ist. Leider ist inzwischen ein guter Teil der Fragebogen verloren gegangen, so dass | das Material nur 2/-d der jüdischen Bevölkerung Kertsch's I betrifft.