Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 10 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Das Lernbedürfnis der preussischen Juden im Lichte der Statistik
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
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— 84 — von den insgesamt 19965 jüdischen Volksschulkindern 9 929 evangelische Schulen besuchten, 2426 katholische und 2 090 paritätische. Daraus darf man nun aber nicht schließen, daß die jüdischen Kinder (bezw. deren Eltern) die evangelischen Schulen bevorzugen. Das wäre ein Trugschluß. D e Einschulung ist natürlich abhängig von dem Vorhandensein einer Schulart, und in vielen Teilen Preußens ist eben die konfessionelle Schule die Regel. (Die Regierungsbezirke Königsberg, Gumbinnen, Berlin, Frankfurt a.O., Stettin, Stralsund, Magdeburg Merseburg, Schleswig, Münster, Minden, sowie die ganze Provinz Hannover haben überhaupt keine paritätischen Schulen.) Im Regierungsbezirk Wiesbaden finden wir dagegen von 934 jüdischen Schulkindern 885 auf paritätischen Schulen. Neben den bisher besprochenen öffentlichen Volksschulen spielen im allgemeinen private Schulen mit dem Ziel der Volksschule eine geringe Rolle, nicht jedoch für die Juden. Die 271 privaten Volksschulen wurden 1911 von 8 849 Schulkindern besucht, von denen 1 254 jüdischer Religion waren 14 %, während, wie wir oben gesehen hatten, der Anteil der jüdischen Kinder an der Gesamtschülerzahl der öffentlichen Volksschulen nur 0,3 % betragen hatte. Diese sogenannten privaten Volksschulen sind teils Institute rein privaten, paritätischen Charakters, an denen Schulgeld erhoben wird, teils aber sind sie konfessionell, insbesondere Einrichtungen katholischer Gemeinden. Auch einige jüdische Schulen sind darunter, die von den Gemeinden unterhalten werden, und zwar eine Schule im Regierungsbezirk Stettin, eine im Bezirk Oppeln, 4 im Bezirk Münster, 4 im Bezirk Minden, 1 im Bezirk Cassel, 2 im Bezirk Düsseldorf, 1 im Bezirk Cöln, also insgesamt 14. Weiter als niedere Schulen gelten die Seminarübungsschulen, auf weichen wir 1911: 306 jüdische Kinder finden, sodann die Schulen in Waisen- und Erziehungshäusern, in denen sich 65 jüdische Kinder in 2 Anstalten (Berliner 2. jüdisches Waisenhaus und jüdische Waisenerziehungsanstalt für Westfalen und Rheinprovinz in Paderborn) befanden, ferner die Schulen für mit Gebrechen behaftete Kinder. So waren in den Blindenanstalten der Monarchie 7, in den Taubstummenanstalten 69 jüdische Kinder, darunter allein 45 in der jüdischen Anstalt in Berlin- Weissensee, in den Anstalten für Epileptische und Idioten 68. Und endlich zählte man noch 79 jüdische Kinder in Rettungshäusern und Fürsorgeanstalten, in der Hauptsache in den beiden jüdischen Anstalten in Repzin bei Schivelbein und in Ahlem bei Linden. Wenden wir uns nunmehr den Mittelschulen zu. Unter Mittelschulen versteht man heute in Preußen alle diejenigen Anstalten, deren Lehrziel über das der Volksschule hinausgeht, aber nicht das der Realschule bezw. des Lyzeums (der ehemaligen höheren Töchterschule) erreicht. Früher rechnete man auch letztere zu den Mittelschulen, sodaß eine Ausscheidung erst seit 1901 möglich ist. In diesem Jahre (Vergl. für 1901: Statistik der Juden, Band 1, und für 1911: Preußische Statistik, Heft 231) besuchten 160052 Schüler die Mittelschule, von denen 3,6?^ (5767) Juden waren. Im Jahre 1911 zählte man 242 889 Schüler auf Mittelschulen mit wiederum dem gleichen Prozentsatz Juden (8 476). Die Zahl der Mittelschulen selbst betrug im Jahre 1911: 1551, und zwar waren unter diesen 632 öffentliche und beinahe noch V2 mal so viele, nämlich 919 private Anstalten. Unter den öffentlichen Mittelschulen war keine einzige jüdische! Schule, dagegen 3 unter den privaten, welche i von 1188 jüdischen Schülern besucht wurden.