Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 10 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Article
- Die russisch-jüdischen Studenten an den deutschen Universitäten
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 60 (sequence 1)
- Language
- German
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- 60 - Die russiscii-jfldlschen Studenten an den deutschen Universitäten. Von Dr. S. Weissen Seit einigen Jahren schon läßt sich an den höheren deutschen Schulen eine Strömung gegen die Ausländer beobachten, deren Ausgangspunkt hauptsächlich in den Reibungen zwischen In- und Ausländern infolge Überfüllung der Lehrräume gesucht wurde. Die Bewegung ging zuerst von den Studentenkreisen aus, infizierte aber bald die Professorenkollegien und ging auch auf die höheren Verwaltungsbehörden über. Ihren Höhepunkt erreichte die Bewegung im Streik der Hallenser Klinikerschaft. Der Erfolg der ganzen Bewegung ist für die Ausländer ein sehr trauriger, indem es an manchen Hochschulen zur strengeren Handhabung sowie zur Verschärfung der schon vorhandenen Massregeln gegen die Ausländer gekommen ist, während an anderen ihre zulässige Zahl in engen Grenzen normiert wurde. Nun muß ja die russisch-jüdische Jugend, der in der Heimat infolge der bekannten Prozentnorm der Zutritt zu den Hochschulen fast gänzlich abgeschnitten ist, einen großen Prozentsatz unter den Ausländern, die die deutschen Hochschulen besuchen, ausmachen, und es trifft somit die große Bewegung gegen die Ausländer hauptsächlich die Juden. Eine genaue Statistik über die Zahl der Ausländer überhaupt sowie über die Stärke der Juden unter ihnen wäre deshalb die beste Grundlage für die Beurteilung dieser heiklen Angelegenheit, und von diesem Standpunkte aus ist die von den jüdischen studentischen Organisationen in Deutschland im Früh ling 1913 ausgeführte Enquete mit grossem Danke zu begrüßen, da sie nicht nur authentisches Material zur Beurteilung der ganzen Sachlage geliefert, sondern auch die Frage in ganz anderes Licht gerückt hat. Ich gebe hier die Ergebnisse der Enquete in ihren Hauptzügen nach deren Bearbeitung b e r g , Elisabethgrad. von Israel im „Neuen Woschod" Nr. 3 und 4, 1914, wieder. Nach folgender Zusammenstellung beträgt die Zahl der Russen an allen höheren Schulen Deutschlands 3757, was 5 % der Gesamtstärke ausmacht. Zahl der höheren Gesamt- Darunter Russen Schulen : besuch Russen in Proz. 21 Universitäten . . 58 549 2 407 4,1 11 Technische Hochschulen ...... 11 910 909 7,5 4 Handelsakademien 1 719 220 12,2 3 Land Wirtschaftsakademien .... 1871 52 2,8 3 Forstakademien. . 226 32 14,1 3 Bergakademien . . 760 101 13,3 2 Veterinärakademien 591 36 6,1 57 Höhere Schulen . 75 626 3 757 5,0 Die Verteilung ist, wie man sieht, keine gleichmässige und es ist wohl anzunehmen, daß gerade dort, wo der Prozentsatz der Russen am stärksten ist, so an den Forst- und Bergakademien, die Juden am wenigsten vertreten sind, da dieses Studium für sie praktisch keinen Wert hat, mit Ausnahme vielleicht der Handelsakademien. Was nun aber die Universitäten und technischen Hochschulen anbelangt, die am meisten besucht werden, so ist der Prozentsatz an ihnen im allgemeinen kein so großer, daß von einer wirklichen Überfüllung gesprochen werden könnte. Vielleicht ist aber der Prozentsatz der Russen nur ein geringer im Vergleich zur Gesamtstärke der Ausländer und könnten die repressiven Maßregeln von diesem Standpunkt aus doch einigermaßen gerechtfertigt werden. Dagegen spricht aber schon die Tatsache, daß unter Ausländern von den meisten Universitätsbehörden fast ausschließlich die Russen verstanden werden. Außerdem gibt aber folgende Tabelle für die von Aus-