Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 8 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Die jüdische Auswanderung der Neuzeit
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 181 (sequence 13)
- Language
- German
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— 181 — halb wechselt dieser jüdische — wohlbemerkt: Klein händler nicht gerade gerne seinen Absatzmarkt; er hält sich an seine Kunden und hofft immer in der alten Heimat noch vorwärts zu kommen. Auserdem aber — was vielleicht noch wichtiger ist — kann man mit einer gewissen Sicherheit behaupten, dass die ökonomische Entwicklung Russlands das Aufblühen des Kaufmannsstandes herbeiführen wird. Dieser Meinung ist auch Vornberg. Leider fehlen einstweilen jegliche statistischen Angaben, die als Beweis hierfür vorgebracht werden könnten, sodass man aus der Entwickelung anderer Länder auf die zukünftige Entwickelung Russlands schliessen kann. Und von der Vermehrung der Händlerschaft sagt Sombart: „Eine solche ist in der Tat in allen Ländern fortschreitender Kultur eingetreten, und zwar mit solcher Regelmässigkeit, dass wir geradezu den Anteil der handeltreibenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung als einen Gradmesser der wirtschaftlichen Entwickelung betrachten können."8) Daher ist es der jüdische Kaufmannsstand, der vor allen anderen sozialen Gruppen des jüdischen Volkes am meisten von der zukünftigen Entwickelung Russlands zu erwarten hat, weshalb er auch in so geringer Zahl auswandert. Anders steht es mit dem jüdischen Handwerk. Hier führt die ökonomische Entwickelung und die Vervollkommnung der Produktionstechnik zur ununterbrochenen Schmälerung des Absatzgebietes der Handwerker und verdrängt sie mehr und mehr aus der Protektion des Landes. Die Masse der jüdischen Handwerker, die zu den Arbeitslosen herabsinken, wird dess) W. Sombart. „Der moderne Kapitalismus", Bd. IL p. 346. I halb grösser und grösser, und sie sind es | die so stark die Reihen der jüdischen Aus- | wanderer füllen. Während der Krise von! 1902 ist ein Drittel der Bjalostoker I jüdischen Weber emigriert.'^) 46,3 Prozent aller Juden, die seit dem 1. Juli 1904 bis zum 30. Juni 1905 nach Amerika einwanderten, waren Handwerker. Aber auch in den vorhergehenden und nachfolgenden Jahren war der prozentuale Anteil der jüdischen Handwerker an der Einwanderung kein geringer. Es wäre eine höchst interessante Auf- I gäbe, die verschiedenen Gewerbezweige | aus der Masse der gewerblich Vorgebil- | deten herauszugreifen und ihren prozentu-; alen Anteil an der Auswanderung mit der | Zahl aller Handwerker resp. der gesamten! jüdischen Bevölkerung in Russland zu ver- | gleichen. I Wir beschränken uns jedoch hier auf I das im jüdischen Leben Russlands so wich- I tige Bekleidungsgewerbe. •! Nach der Enquete der J. C. A. beträgt die Zahl der im Bekleidungsgewerbe beschäftigten Personen 178 070, d. h. 35,53 Prozent aller jüdischen Handwerker Russlands. Nach der amtlichen Volkszählung aber sind in der Bekleidungsindustrie nicht weniger als 254 384 Personen erwerbstätig. Ausschliesslich der Angehörigen beträgt die | Zahl der aus der Bekleidungsindustrie ihren! Erwerb ziehenden Juden 782 454, d. h. 15,46 | Prozent der gesamten jüdischen Bevöl- I kerung Russlands. i Tabelle XII gibt Auskunft über die | Zahl der in dem Bekleidungsgewerbe \ beschäftigten Handwerker in der jüdischen I Einwanderung, und zwar im Laufe von 13 i | 9) S. M a r g o 1 i n. „Die wirtschaftliche Lage der; jüdischen arbeitenden Klassen in Russland". Archiv! für Sozialwissenschaft etc. Bd, 26. 1908, p. 262,