Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 8 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- Das Leben der jüdischen Studenten in Russland
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 109 (sequence 2)
- Language
- German
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— 109 — noch evidenter ist, indem 20 Proz. unter ihnen schon verheiratet waren, was wohl mit dem höheren Alter der jüdischen Studenten in Verbindung zu setzen ist. Der Gesundheitszustand der Befragten war ein sehr schlechter, da nur ein Drittel sich als vollkommen gesund bezeichnete. Was die einzelnen Krankheitsformen anbelangt, so klagten über Krankheiten der Aimungsorgane 10 Prozent der Verdauungsürgane 14 „ allgemeine Schwächezusiände 42 ,, veneiische Krankheiten 3,4 „ „ Kurzsichtigkeit 32 „ Auffallend gross ist der Prozentsatz der verschiedenen Schwächezustände, worunter Blutarmut, Neurasthenie. Kopfschmerzen u. dgL gerechnet wurden. Auffallend gering ist dagegen der Prozentsatz der Geschlechtskrankheiten und besonders der der Syphilis, der nur 0,4 betrafen hat. Wie krass sticht dies ab gegen die weite Verbreitung der Geschlechtskrankheiten unter den Moskauer Studenten, wo ihr Prozentsatz mit 25,3 angegeben wurde. Nach der sozialen Schichtung zeigten unsere Studenten folgende Zusammensetzung, indem ihre Eltern zugezählt werden konnten: dem Grosskaufmannsstande in 13 Proz. „ Mittelstande „ 41 Stande der Kleinhändler 8 „ „ Stande der Bankbeamten 20 „ „ Stande der freien Berufe 10 „ „ Handwerkerstande „ 4 „ ,, Klerus „ 4 „ Die eigentümliche Zusammensetzung lässt sich teilweise durch den machthabenden Einfluss des „Kapitals" erklären, vor dem sich, wie so manches andere, so auch die Universitätspforten öffnen. Die materielleLage der jüdischen Studenten ist, wie zu erwarten war, keine glänzende, indem nur 36,7 Prozent unter ihnen von den Eltern unterhalten werden, während die übrigen 63,3 Prozent die zum Studium nötigen Mittel durch eigene Arbeit erlangen müssen. Auch hier lässt sich im Vergleich mit den Moskauer Studenten ein bedeutender Unterschied zu Ungunsten der Juden feststellen, da von den russischen Studenten nur 29,0 Prozent auf eigenen Erwerb angewiesen sind, während ganze 71 Prozent auf Kosten ihrer Eltern studieren. Kein Wunder, dass unter solchen Verhältnissen ein groser Prozentsatz der jüdischen Studentenschaft nicht die zum Lebensunterhalt nötigen Mittel aufweisen kann. Wird das Mindestmass der monatlichen Ausgaben mit etwa 60 M. angenommen, so erweist sich, dass für 35 Proz. der jüdischen Studenten auch diese bescheidene Summe nicht erreichbar ist. Das mittlere monatliche Einkommen des Kiewer jüdischen Studenten beträgt etwa 75 Mark. Dass die verheirateten Studenten im allgemeinen sich noch schlechter stehen, ist selbstverständlich. Das spärliche Einkommen führt dazu, dass die Hälfte — 49,3 Proz. — der jüdischen Studenten nicht imstande ist, ein Zimmer voll zu bezahlen und sich gezwungen sieht, dieses mit einem und in weiteren 5 Proz. der Fälle sogar mit zwei Kameraden zu teilen. Auch muss das Mittagessen stets frugal sein, da 35 Prozent dieses mit nur 50 Pfg. bezahlen können. Das „Umsatteln" ist eine gewöhnliche Erscheinung und wurde von 23 Proz. angegeben. Die Ursache ist aber eine spezifisch russisch-jüdische, da der Abiturient keine Wahl hat und die augenblicklich von Juden am wenigstens besetzte Fakultät wegen der Prozentnorm die beste ist.