Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 8 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Eine Statistik des Ritualbadbesuchs
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 87 (sequence 2)
- Language
- German
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ten — Baderäumen« und zwar 14 Tage nach Beginn der monatlichen Reinigung, wobei vor diesem Bade der Geschlechtsverkehr verboten ist. J) Wir haben somit im Institut des Mikwebesuchs eine Einrichtung von hohem hygienischen Wert, indem dadurch erstens ein gewisser Grad von Reinlichkeit und zweitens eine Regelung des Geschlechtsverkehrs erreicht wird. Beides trägt dazu bei, dass dem Geschlechtsverkehr ein grosser Teil seines tierischen Charakters genommen wird, v/o durch die Ehe an Sinnlichkeit verliert, aber desto mehr an Innigkeit gewinnt, und vielleicht ist in dieser Einrichtung zum Teil die Ursache des innigeren Familienlebens der Juden zu suchen. Nun erfolgt aber im heutigen Judentum eine Umwertung der alten Werte, die im Scheinglanze der europäischen Kultur nicht selten zum kritiklosen Aufgeben des im Laufe von Jahrtausenden auf mühsamem Wege erworbenen geistigen Gutes führt- Und dass gerade das rituelle Bad noch so feste Wurzeln im heutigen so zerrütteten Leben der Juden findet, spricht wohl dafür, dass die ethischen Grundlagen der jüdischen Familie einstweilen noch wenig erschüttert sind. Es wird wohl kaum irgendwo Vergleichsmaterial über das etwas seltsame Thema vorhanden sein und will ich nur anführen, dass in Deutschland von im ganzen 1400 jüdischen Gemeinden noch 772, also 55 Prozent eigene rituelle Bäder besitzen, was bei Berücksichtigung der Kleinheit und materiellen Unzulänglichkeit mancher Gemeinde ein sehr grosser Prozentsatz zu nennen ist.2) Für Russland gibt es keine statistischen Feststellungen, jedoch lehrt die alltägliche Erfahrung, dass es hier kaum eine jüdische Gemeinde ohne Mikwe gibt. Für mich ist aber nicht deren Vorhandensein die Hauptsache, sondern der Grad ihrer Benutzung, denn nur letzte- *) S. S. 38 der obigen Abhandlung. -} ,,Die jüdischen Gemeinden und Vereine in Deutschland" (Veröff. d. Bureaus f. Statistik ö. Juden, Heft 3, 1906). res kann als Ausdruck für die Stärke, mit der die alte Tradition noch das Volk beherrscht, dienen. lim darüber wenigstens gewisse Anhaltspunkte zu gewinnen, fragte ich bei ICO Frauen aus meiner poliklinischen Klientel der Reihe nach, wie sie eben kamen, unter den verschiedensten Vorwänden über ihr Verhalten in dieser Beziehung nach. Dass diese Frauen in der Mehrzahl der Fälle zu den proletarischen Klassen gehörten, kann wohl kaum als Einwand gegen meine kleine Statistik gelten, da die ärmeren Volksschichten nicht nur bei den j Juden, sondern auch überhaupt das Gros j der Bevölkerung ausmachen, weshalb ein j Volk nicht nach dem Benehmen seiner! oberen Zehntausend beurteilt werden darf,; urnsomehr als die oberen Schichten überall i eine gewisse Tendenz zur Assimilation und Nivellierung zeigen. Das Resultat meiner Enquete war: Von den 100 Frauen besuchten die Mikwe: regelmässig ...... 60 nicht regelmässig.....4 64 I Es besuchten nicht die Mikwe, nahmen aber ein gewöhnliches Bad nach dem vorgeschriebenen vierzehntägigen Termin .....18 Es badeten vor diesem Termin . . 18 ~36~ Wir sehen somit, dass zwei Drittel aller Frauen sich noch streng an das vorgeschrie-! bene ziemlich umständliche Ritual fest- | klammern, während nur ein Drittel es aufgegeben hat. Aber auch die Hälfte von I den letzteren will mit der Tradition inso-! fern nicht brechen, als sie noch die Zeit | des Beginns des Geschlechtsverkehrs be- | obachtet. Es sind vielleicht an Intelligenz | etwas höher stehende Frauen, denen wohl I nicht der Brauch an und für sich, sondern die höchst primitive Einrichtung des Tauchbades in Russland anstössig ist, da nicht Einzelkabinen, sondern nur grössere, für den gemeinsamen Gebrauch berech-