Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 8 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- Der Anteil der Juden in Deutschland an dem Beamtenstande und den freien Berufen
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2650397-3187717-3187722-3192461--3400-3192490- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 53 — Hofbeamten, höheren Reichs-, Staats- und Kommunalbeamten, außerdem Richter und Staatsanwälte und Rechtsanwälte im Verein mit Patentanwälten — die letzteren gehören zu den freien Berufen. Zum ersten Mal ist im Jahre 1907 von der amtlichen Statistik eine genaue Ausscheidung gerade dieser Berufsgruppe vorgenommen werden, so daß wir in der Lage sind, feststeilen zu können, wieviel Juden sich in den einzelnen Beamtenkategorien betinden und wieviele der Anwaltschaftangehören. Da zeigt sich uns zunächst die bemerkenswerte Tatsache, daß der Prozentsatz der Juden unter den höheren Reichs- und Staatsbeamten durchaus nicht ungünstig ist; er beträgt nämlich 1,93. W ürden nicht so zahlreiche Juden gerade unter den höheren Beamten sich vom Judentum losgesagt haben, so wäre die Vertretung der Juden in dieser Berufsschicht zweifellos noch viel höher. Dagegen ist der Anteil der Juden unter den höheren Kommunalbeamten gering. Sehr wenig Juden finden sich unter den Reichs¬ und Staatsbeamten mittleren Ranges, nämlich nur 0,35 Prozent. Ganz verschwindend gering ist auch d er Anteil unter den Kommunalbeamten mittleren Ranges — 0,15 Prozent —, unter den niederen Reichs- und Staatsbeamten — 0,17 Prozent — und den niederen Kommunalbeamten — 0,13 Prozent. Angesichts der kleinen Zahl der Juden im mittleren und niederen Reichs-, Staats- und Kommunal dienst ist die stärkere Heranziehung derselben zu diesen Berufskategorien notwendig, wenn ernstlich die Möglichkeit einer Berufsumschichtimg ins Auge gefaßt werden soll. Die Juden müssen versuchen, sich diesen Berufen in stärkerem Maße als bisher zuzuwenden, da der Zugang zu ihnen nicht in derselben Weise wie zu den höheren Aemtern oder gar zur Armee verschlossen ist. Der Einwand, die Juden würden nicht aufgenommen werden, oder es sei aussichtslos, die Söhne eine Karriere einschlagen zu lassen, die keine Zukunft biete, muß damit bekämpft wTerden, daß, falls die Aufnahme nicht freiwillig erfolgt, um sie gekämpft werden muß, und daß gegenwärtig auch in anderen Berufen, wie Handel und Industrie, die Existenzbedingungen außerordentlich erschwert sind, namentlich die Erreichung einer selbständigen Stellung nur einem Teile der Erwerbstätigen gelingt. Wenn anfangs auch das Einrücken der Juden in den Staats- und Gemeindedienst nur langsam vor sich geht, so wird doch der Zeitpunkt kommen, wo der Staat und die Gemeinde selbst einsehen werden, daß die Juden einen tüchtigen Beamtenschlag abgeben, zu welchem sie sich auch durch ihre Begabung, Bildung und vor allem ihre Nüchternheit, ihren praktischen Blick außerordentlich qualifizieren. Während die Forderung, den Juden zum Landwirt zu machen aus praktischen Gründen geradezu unerfüllbar ist, liegen hier die Verhältnisse insofern günstiger, als bei den Juden der Wille zum Eintritt in die Beamtenlaufbahn vorhanden und die soziale Stellung des mittleren Beamten durchaus günstig ist. Die Aufnahme der Juden in den mittleren und niederen Staats- und Kommunaldienst würde außerdem den großen Vorteil haben, daß hierdurch eine Anzahl von Juden auf die mittleren und kleinen Städte verteilt werden könnte. Es liegt nämlich sowohl in der Macht der Regierung, auf diese Weise eine zweckmäßige örtliche Verteilung der Juden vorzunehmen, als auch in den Händen der Juden selbst, aufs Land hinauszukommen und hier das jüdische Element zu verstärken. Daß für die Erhaltung des Judentums die Massenansiedlungen in den Großstädten eine schwere Gefahr bedeuten, liegt klar auf der Hand und tritt tagtäglich so offenkundig in die Erscheinung, daß hierüber kein Wort gesagt zu werden braucht. Handel und Industrie haben aber ihre bestimmten Zentren. Die Städte sind der Sitz dieser Berufe, und es war eben die Konzentration des Handels und der Industrie in den Städten, welche in erster Linie die Juden veranlaßt hat, ihren Wohnsitz in die Städte zu verlegen. Wie es nun wirtschaftliche Gründe waren, welche die Juden in die Stadt führten, so müssen es wiederum wirtschaftliche Gründe sein,