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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1908-11-01 · Heft 11 (November 1908) · p. Seite 170

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
4 (1908)
Issue
Heft 11 (November 1908)
Article
Ein wirtschaftlicher Beitrag zur Geschichte der polnischen Juden im Mittelalter
Date
1908-11-01
Page
Seite 170 (sequence 3)
Language
German
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170 — polnischen Herrscher den jüdischenEmigranten zusicherten, dies alles lockte die Juden nach Polen. In vielen Fällen ist auch eine künstliche Einwanderung der Juden vorgekommen, namentlich wurde eine jüdische Immigration von den polnischen Königen inspiriert, erstens um das westliche Städte- und Handelswesen zu entwickeln; zweitens um der ökonomischen und politischen Herrschaft der Deutschen, die in den polnischen Städten die Hauptrolle spielten, durch die jüdische Ansiedelung einen Damm entgegenzusetzen und ein neues, loyales Städteelement zu schaffen. Die polnischen Herrscher haben sogar zu diesem Zwecke besondere Gesetze erlassen, die die eingewanderten Juden von der Macht und dem Einfluß der städtischen deutschen Magistrate und Zünfte gänzlich befreite.x) Und es ist eine unmittelbare Wirkung dieser ihrem Wesen nach mannigfaltigen jüdischen Immigration, daß Polen aus der Phase reiner Naturalwirtschaft in die der Tausch- und Geldwirtschaft hinübergeführt wurde* Die zwei Faktoren, die für diese Transformation im polnischen Volke selbst fehlten, namentlich eine spezielle Handelsklasse und Kapitalien, die für eine Massenproduktion unentbehrlich sind, waren in der Einwanderung der jüdischen Händler und Geldborger gegeben, und das immobile, tote polnische Eigentum fing an, auf solche Weise sich in mobiles, lebendiges zu verwandeln. Die beiden Artikel, an denen Polen so ungeheuer reich ist, nämlich Holz und Getreide, beherrschten von da an die europäischen Märkte; das Holz fand besonders Eingang in England, v/o es zur Herstellung von Waffen verwendet wurde, das Getreide in Schlesien. Wohl hat in diesen Handelszweigen längere Zeit hindurch die Thorner Kaufmannschaft den Ton angegeben, besonders im 14, Jahrhundert, als sie die Vermitteltung zwischen den slavischen Ländern, mit Preußen und den übrigen deutschen Märkten fast gänzlich in ihren Händen konzentriert hatte; doch wurde diese ökonomische x) I. G. Orschansky, Jewreji W Rossij (Russisch), S. Petersburg, 1877. Herrschaft Thorns im Laufe der Zeit paralysiert. Auf dem, natürlichen Wege, d. h. durch natürliche Akkumulierung von handelstechnischen Erfahrungen und Verbindungen, und auch auf künstlichem Wege, durch besondere Protektionsmittel der polnischen Herrscher, wurde die Bedeutung und Handelsmacht Thorns herabgedrückt, und es trat an seine Stelle die Vormacht Krakaus und damit die des jüdischen Handels, Besonders wurde dieses Emporkommen Krakaus begünstigt während der Kegierung Kasimirs des Großen und später.1) Nach Brann sollen im 15. und 16. Jahrhundert 2/3 des Handels zwischen Polen und Schlesien, namentlich der Export der polnischen Rohstoffe für die Produkte und Manufakturen Deutschlands, von jüdischen Händlern getragen worden sein,2) Im engsten Zusammenhang mit der Entwickelung des Tauschprozesses stand der jüdische Geldhandel. Auch in diesem genossen die polnischen Juden ein Maximum von Bewegungsfreiheit und individueller Rechte. Das kanonische Recht, das in Europa den Geldhandel vielseitig gehemmt und oft sogar gänzlich unterbunden hat, gewann in Polen nur einen unbedeutenden Einfluß. Der polnische Klerus und die polnischen Herrscher waren stets mehr von rationellen Anschauungen als von theologischen durchdrungen und verstanden es, die toten Buchstaben der Religion außerhalb des stets fließenden und in Entwicklung begriffenen gesellschaftlichen und ökonomischen Lebens zu lassen. Soweit aber Kanonisten und Theologen die polnische Gesetzgebung wider den Geldhandel und Zins zu beeinflussen vermochten, griff man in Polen zum System der „Wiederkaufskontrakte", das in Europa eine breite Ausdehnung fand. So haben die Juden den Geldhandel fast gänzlich beherrscht und verschafften Finanzmittel sowohl den Produzenten wie den Konsumenten, dem Bauer wie dem Handwerker, dem Adel, der Geistlich- *) Vergl. E. R. Daenell, Polen und die üanse um die Wende des 14. Jahrhunderts (Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 1898). 2) Zitiert nach: Israel Abrahams, jewish Life in the Middle Ages, London, 1896, page 214.

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