Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 4 (1908)
- Issue
- Heft 11 (November 1908)
- Article
- Ein wirtschaftlicher Beitrag zur Geschichte der polnischen Juden im Mittelalter
- Date
- 1908-11-01
- Page
- Seite 169 (sequence 2)
- Language
- German
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— 169 — normalen Zustand der jüdischen Geschichte darstellen, bilden sie in Polen den anormalen Zustand derselben und bleiben vereinzelte Episoden, welche in sozialökonomischer Hinsicht eine bemerkbare Rückwirkung kaum ausübten. Es gibt in der polnischen Geschichte eine merkwürdige Sage, die sogenannte Abrahams- Sage, die folgendes erzählt: Als die .Dynastie der PospieFschen Könige untergegangen war, entstand im Lande eine große Gärung. Man konnte sich nicht darüber einig werden, wen man zum neuen Herrscher wählen solle. Auf dem Seim in Kruszwica gelangten die Wahlherren endlich zum Beschlüsse, daß derjenige die Krone Polens tragen solle, der mit Tagesanbruch als erster nach der Stadt kommen würde. Vier Nachtwachen wurden bestimmt, um dieses historische Ereignis zu überwachen. Als der Morgen anbrach, da erblickte die Wache den Juden Abraham Prochownik, der sich der Brücke, die in die Stadt führte, schnell auf einem Wagen mit Pulver näherte. Die Wache salutierte und begrüßte den neuen König. Abraham lehnte die Krone ab; da die Wahlherren auf ihrem Beschlüsse beharrten, so erbat sich Abraham einen Tag Zeit, um Gott anzubeten und seinen Rat einzuholen. Es vergingen aber zwei Tage und zwei Nächte, und Abraham erschien noch immer nicht. Da versammelte sich um seine Wohnung eine große Menge, die sehr ungeduldig wurde; und es erhob sich aus ihrer Mitte ein Bauer namens Piast und rief der Menge zu : „Brüder, so darf es nicht mehr bleiben, das Land würde ohne Herrscher zum Untergange getrieben werden — und da Abraham nicht erscheinen will, laßt mich ihn herausführen!" Und im selben Augenhlick stürzte er sich mit seiner Axt auf Abrahams Haus. „Ihr Polen," sprach dann Abraham, „seht Ihr den Bauer Piast? Ihn wählet Euch zum König. Er besitzt Verstand und Mut, da er mein Gebet zerstört hat, um das Vaterland zu retten!" Und Piast wurde dann mit Jubel zum König ausgeiufen. Diese Legende, die mit dem allerwichtigsten Ereignis in der polnischen Geschichte zusammenhängt und die von der polnischen Volksphantasie erdacht und von Generation zu Generation überliefert worden ist, zeigt uns, daß der Jude dem Polen nicht als ein niederes Wesen, als Angehöriger einer fremden Rasse erschien, wie dem Spanier, Deutschen und Franzosen, sondern daß er für ihn als gleichberechtigter Mensch und Bürger galt. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte die nationale Psychologie der Polen diese Legende nicht aufnehmen können; sie würde dann im vollständigen Gegensatz zu der wirklichen polnischen Geschichte, zu den Traditionen, Erinnerungnn, Gefühlen und Taten des Volkes stehen. Ein Angehöriger eines verachteten, verfolgten Volkes hätte sich nicht in der Vorstellung des polnischen Volkes zu seinem Herrscher erheben können. Die Ansiedelungen der Juden im polnischen Königreich sind ihrem Wesen und ihrer Ursache nach an zwei verschiedene Epochen der jüdischen Geschichte geknüpft. In den ersten Jahrhunderten nach der Gründung Polens wurde die jüdische Einwanderung nach Polen einzig und allein durch die Verfolgungen in den alten Ländern verursacht. So ließen sich in Polen während der Regierungszeit Boleslaw's I. große Massen ungarischer und böhmischer Juden nieder, weil sie von ihren Königen und den Kreuzrittern schreckliche Quälereien zu ertragen hatten; in den folgenden Jahrhunderten spielte sich die Einwanderung zum großer Teil auf ökonomischer Basis ab, sie wurde von der allgemeinen Tendenz der jüdischen Volkswirtschaft zur Überwanderung aus dem entwickelten Westen in den unentwickelten Osten geleitet. Dieser Tendenz konnte Polen am meisten entgegenkommen, da es ein Maximum äußerer günstiger Bedingungen dazu bot. Die ungeheuren Bodenreichtümer, die in Polen schlummerten, die großen Wälder und weiten Strecken fruchtbaren Grund und Bodens; die günstige geographische Lage des Landes, das fast gänzliche Fehlen aller Zunftu. Gilden-Einschränkungen und die Freiheit auf allen Gebieten, die die