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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1908-08-01 · Heft 8 (August 1908) · p. Seite 124

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
4 (1908)
Issue
Heft 8 (August 1908)
Article
Die Tuberkulose unter den Juden in London
Date
1908-08-01
Page
Seite 124 (sequence 3)
Language
German
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— 124 Juden an Schwindsucht zum großen Teil auf der reichlicheren und qualitativ besseren Ernährung beruht. Verfasser ist geneigt, dieser besseren Ernährung den Hauptanteil dabei zuzuschreiben. Woher erklärt sich nun aber, daß gegenüber der allgemeinen Veringerung der Tuberkulosesterblichkeit bei den Juden in den letztenö Jahren die Krankheit häufiger geworden ist, eine Erscheinung, die in gleicher Weise auch in New-York beobachtet worden ist? Nun sind mehrere an den genannten Momenten sicher ganz unverändert geblieben. Es ist sicher nicht anzunehmen, daß die heutigen armen Juden weniger um ihre Nachtkommenschaft besorgt sind, als in früheren Jahren. Auch die Speisegesetze werden von den Massen der armen Juden noch ebenso gehalten wie früher. Was die alkoholischen Getränke betrifft, so meint zwar der Verfasser, es sei kein Grund anzunehmen, daß eine größere Neigung zu alkoholischen Getränken in der letzten Zeit eingetreten sei, doch ist er in dieser Beziehung entschieden im Irrtum; es ist, wie ich anderweitig auseinander gesetzt habe, und wie auch Fishberg in New-York konstatiert hat, eine allmähliche Assimilation besonders der jüngeren Generation an die Trinksitten der Nichtjuden im Gange, wenn sie auch vorläufig vielleicht noch keine größeren Dimensionen erreicht, diese dürfte wenigstens zu einem Teil an der Zunahme der Tuberkulose beteiligt sein, wenn auch vorläufig bei den armen Juden hauptsächlich dadurch, daß das, was für alkoholische Getränke (Bier) ausgegeben wird, der Ernährung etc. entzogen wird. Die größte Bedeutung legt der Verfasser aber der starken, durch die russischen Verfolgungen bedingten Zunahme der Juden in London (und in New-York) bei, die die wesentlichste Umwandlung in den Lebensverhältnissen der armen Juden bewirkt hat. Vor 1882 war die Einwanderung der russischen Juden verhältnismäßig gering, aber seitdem ist sie gewaltig gestiegen und hat durch die antijüdischen Gesetze Rußlands im Jahre 1901 und durch die Progrome der letzten Jahre eine weitere starke Steigerung erfahren. Dieser andauernde Strom von Aus Wandererfamilien, die in vielen Fällen aller ihrer Habe beraubt, ihien Lebensunterhalt unter den ungünstigsten Verhältnissen erwerben müssen, haben die ganze Lebenshaltung der armen Juden herabgemindert und eine tiefe früher nicht gekannte Armut erzeugt, der die jüdischen WohL tätigkeitsinstitutionen nicht mehr gewachsen sind. Der jüdische Board of Guardians, der vor 10 Jahren ungefähr 16000 Pf. (340000 Mark) für Armenunterstützungen ausgab, hat im Jahre 1906 für diese Zwecke 24000 Pf. (500 000 Mark) gebraucht. In New7-York sind die Verhältnisse ähnlich, nur noch schlimmer. Hierin liegt vielleicht die Hauptursache für die Zunahme der Tuberkulose unter den Juden, die sich wie in New-York vorzugsweise bei den armen Juden zeigt. Zahlreiche Schädigungen kommen schon für die jüdischen Arbeiter aus ihrer Anhäufung, die zeitweise mit jedem neuen Einwandererstrom infolge neuer Verfolgungen ganz extrem wird. Dazu kommt die große Armut dieser neuen Einwanderer, die oft monatelang in einem Zustand des halben Verhungerns leben müssen. Ein günstigerer Boden für den Tuberkelbazillus läßt sich kaum finden. Obgleich es sich nicht auch nur mit einige Sicherheit feststellen läßt, ob die Todesfälle an Lungenschwindsucht unter den Einwanderern unverhältnismäßig häufiger sind, so ist doch bekannt, daß viele von ihnen an dieser Krankheit sterben. Bemerkt muß aber noch werden, daß es sich bei der Zunahme der Schwindsuchtsterblichkeit (um 1 auf 10 000) absolut nur um die geringe Zahl von etwa 8 Todesfällen jährlich handelt.

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