Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 4 (1908)
- Issue
- Heft 8 (August 1908)
- Article
- Die Tuberkulose unter den Juden in London
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 123 (sequence 2)
- Language
- German
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— 123 — Dagegen waren nach der Statistik des Register- General von 1891—1900 in London 78250 Todesfälle an Lungenschwindsucht unter im ganzen 842500 Todesfällen vorgekommen, sie bildeten also 9,3% aller Todesfälle; im Jahre 1905 bildeten die Todesfälle an Schwindsucht 9,2% der Todesfälle. Auf 10000 lebende Personen kommen von 1891—1900 im Durchschnitt jährlich 17,9 Todesfälle an Schwindsucht* Die genaue Zahl der Juden in London ist? wie gesagt, nicht bekannt. Nur aus der Zahl der Todesfälle bei den Juden in jeder Altersgruppe und der allgemeinen Sterblichkeit in jeder Altersgruppe läßt sich annähernd die gesamte Bevölkerung berechnen, auf die sich die Statistiken der Begräbnisgesellschaft beziehen. So berechnet sich diese im Jahre 1900 auf 73000, im Jahre 1906 auf 84000 Personen. Danach würden auch in diesen Jahren auf 10000 Personen 12,3 bezw. 13,3 Todesfälle an Schwindsucht gekommen sein. Eine übersichtliche Gegenüberstellung der bisher gewonnenen statistischen Daten gibt Tabelle 2. Tabelle II. Sterblichkeit an Lungenschwindsucht in der allgemeinen Bevölkerung und bei den Juden. Zahl d. Todesf. an Schwinds. im Verhältn. zu aller Todesf. Zahl d. Todesf. an Schwinds. auf 10000 lebende Personen Allgemeine Bevölkerung . . Juden............ / 1890—1901 \ 1905 J 1897-1901 1 1901—1906 9,3% 9,2 o/0 5,2% 5,6 o/o { 1891—1901 f 1900 X 1906 17,9 12,3 13,3 Die Sterblichkeit ist bei den Juden also wesentlich geringer als bei der allgemeinen Bevölkerung, die auch die Juden in sich schließt, mithin erst recht geringer als bei den Nichtjuden. Beachtenswert ist aber die Zunahme der Sterblichkeit an Schwindsucht bei den Juden in den letzten 5 Jahren gegenüber der Abnahme in der allgemeinen Bevölkerung. Die Differenz der Sterblichkeit an Schwindsucht bei Juden und Nichtjuden zeigt sich übrigens auch in der verschiedenen Schwindsuchtssterblichkeit in den verschiedenen Teilen des East-End von London. Diese betrug von 1891—1900 in St. Georges 10%, in Bethuel Green 11% der Gesamtsterblichkeit, . während in Bulb und Stepney, wo die Hauptmassen der Juden wohnen, die Prozentzahl nur 6,4 betrug Eine ähnliche Widerstandsfähigkeit haben die Juden bekanntlich auch anderen Infektionskrankheiten gegenüber gezeigt, wie Pest, Malaria,Cholera.WährendderCholeraepidemien in London wurde z. B. von denÄrzten konstatiert? daß sie nur wenig Cholerakranke in ihrer jüdischen Klinentel hatten. Daß es sich dabei z. B. um eine Rasseneigentümlichkeit, wie der Verfasser des Artikels annimmt, handelt, erscheint recht zweifelhaft. Wesentlicher kommen wohl die andersgearteten Lebensverhältnisse der Juden in Betracht. Als solche günstig wirkenden Faktoren werden mit Recht der starke Familiensinn auch unter den ärmsten Juden; die große Sorgfalt bei der Erziehung der Kinder, die (in London) nur selten von der Mutter nicht gestillt werden; die Sorge für genügende Ernährung und Kleidung, die, soweit die Eltern zu arm dazu sind, an den wohltätigen Institutionen ihrer Stammesgenossen übernommen wird; die religiösen Speisegesetze mit der peinlich sorgsamen Fleischschau, die soweit sie gehalten werden, den Genuß kranken Fleisches durchaus verhütet and die Infektion durch tuberkulöses Fleisch unmöglich macht, sowie die große Mäßigkeit der Juden, die außerdem dem Armen es ermöglicht, wesentlich mehr für Nahrung und Wohnung auszugeben als dies sein ebenso armer, aber trinkender nichtjüdischer Nachbar kann, Es ist nach der Ansicht des Verfassers wohl möglich, daß die geringere Sterblichkeit der