Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 4 (1908)
- Issue
- Heft 8 (August 1908)
- Article
- Die Armut unter den Juden in New-York
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 117 (sequence 5)
- Language
- German
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Woltätigkeit untergebracht und versorgt als die jüdischen Einwanderer der anderen Länder. Die große Zahl der Hilfesuchenden deutscher Herkunft mag durch die Tatsache zu erklären sein, daß die Juden in Deutschland auf einer hohen wirtschaftlichen Stufe stehen, und daß sie, hier angekommen, sich nicht so schnell der neuen Umgebung und dem harten Kampfe anpassen können, dem die Einwanderer in den ersten Jahren ihres Aufenthaltes in Amerika ausgesetzt sind. Sie sind dadurch hilfloser und wenden sich häufiger an die „Vereinigten Jüdischen Wohltätigkeitsanstalten" als ihre russischen Glaubensgenossen. Unverheiratete Personen wenden sich nur selten an die Wohltätigkeitsanstalten. Die große Mehrzahl der Unterstützten war verheiratet. Von der Gesamtzahl der Unterstützten waren 6066 verheiratet mit einer Total-Kinderzahl von 20040, d. h. mit einem Durchschnitt von 3,3 Kindern per Familie. Es ist allgemein bekannt, daß die Kinderzahl im Durchschnitt bei den armen und unterstützungsbedürftigen Familien größer ist als bei den reichen und wohlhabenden. Die Armen, die sich an die „Vereinigten Jüdischen Wohltätigkeitsanstalten" gewendet haben, scheinen in dieser Beziehung eine Ausnahme zu bilden. Ihre Familien sind im Durchschnitt kleiner als diejenigen der Juden in Osteuropa, wo die durchschnittliche Kinderzahl per Familie ungefähr 5 ist. Der Grund ist einfach. In New-York kommt eine Familie, die erwachsene, d. h. schon erwerbsfähige Kinder hat, ohne Unterstützung aus; es wird sich also meistens um Familien mit kleinen Kindern handeln, die sich wegen Krankheit des Familienvaters, als des einzigen Ernährers, oder während industrieller Krisen etc. an die Wohltätigkeitsgesellschaften wenden. Das zeigt sich auch bei der Zahl der 1531 unterstützten Witwen. Sie hatten insgesamt 5015 Kinder, d. h. durchschnittlich per Mutter 3,2, woraus wieder hervorgeht, daß Witwen mit erwachsenen Kindern weniger auf Unterstützung angewiesen sind. Die Mehrzahl dieser Witwen haben ihre Männer infolge Lungenschwindsucht verloren, die in der Blüte der Jahre ihre Opfer fordert, sodaß nur wenige Waisenkinder verblieben sind. Witwer haben sich aus naheliegenden Gründen nur 246 um Unterstützung beworben. Sie hatten eine Gesamtziffer von 704 Kindern, d. h. einen Durchschnitt von 2,86 per Vater. Das Verlassen von Frauen ist bei den Juden Osteuropas keine unbekannte Erscheinung. Aber in New-York ist sie eine der hauptsächlichsten Ursachen des Elends geworden. Der Hauptgrund ist nach meiner Meinung der, daß viele Männer vor ihren Frauen auswandern und sich in der Zwischenzeit mit anderen Frauen verbinden. Wenn die Frauen später nachkommen, finden sie oft ihre Männer mit anderen Frauen verheiratet. Diese und viele andere Ursachen haben dazu beigetragen, daß die Zahl der verlassenen Frauen unter den eingewanderten Juden New-Yorks eine so große ist. Im Jahre 1905 nahmen 1171 verlassene Frauen mit einem Total von 3100 Kindern, d. h. mit einem Durchschnitt von 2,6 per Mutter die Hilfe der Wohltätigkeitsanstalten in Anspruch. Die kleine Kinderzahl ist der Tatsache zuzuschreiben, daß das Verlassen der Frauen meistens bei jungen Ehen vorkommt. Ez ist interessant, zu erwähnen, daß 8,18 aller verheirateten Unterstützten kinderlos waren. Dieses etwas kleine Verhältnis der kinderlosen Ehen ist darauf zurückzuführen, daß kindeilose Eheleute weniger der Wohltätigkeit zur Last zu fallen pflegen. Es ist schon erwähnt worden, daß nur 2% aller Unterstützten amerikanische Juden waren, und es ist interessant, daß von den 10015 Gesuchen 1191 oder 13,78% von Lauten waren, die weniger als 1 Jahr im Lande waren. 7038 oder 68,5 % waren weniger als 5 Jahre in Amerika und nur 1786 oder 17,8% waren mehr als 5 Jahre im Lande. Man sieht daraus, daß die Einwanderer nach 5 jähriger Ansässigkeit in Amerika aufhören, ein „Problem" für die Armenfürsorge zu sein. Es ist bemerkenswert, daß auch in dieser Beziehung der russische Einwanderer wieder eine viel bessere Anpassungsfähigkeit zeigt als die Ein