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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1908-08-01 · Heft 8 (August 1908) · p. Seite 114

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
4 (1908)
Issue
Heft 8 (August 1908)
Article
Die Armut unter den Juden in New-York
Date
1908-08-01
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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— 114 — seits erweckt auch die verhältnismäßig große Anzahl der an den Börsen Westeuropas tätigen Juden den Eindruck, als ob daß alle Juden reich sind. Wenn wir noch hinzufügen, daß sich nur selten ein Jude an einen Christen um Beistand wendet, so versteht man, wie der Glaube, daß es keine armen Juden gibt? entstehen und sich behaupten konnte. Und in der Tat setzen die Juden ihren Stolz in die Tatsache, daß sie für ihre Armen aus ihren eignen Mitteln sorgen, und in früheren Zeiten hatten sie sogar des Öfteren Gelegenheit gehabt zu versprechen, daß sie unter keinen Umständen zulassen würden, daß ihre Glaubensgenossen der Ortsgemeinde, in der sie leben, zur Last fallen würden. Ein merkwürdiges Dokument findet sich über die Juden, welche im Jahre 1655 als die ersten in Neu-Amsterdam, (New-York unter der holländischen Herrschaft), landeten. Es wurden ihnen mit der Landungs- Erlaubnis große Schwierigkeiten gemacht. Nach längeren Verhandlungen schrieb die holländische Westindian-Company an den Gouverneur Stuyvesant, daß man nach vielen Beratungen auf eine Petition gewisser portugiesischer Juden hin zu der Entscheidung gelangt sei, daß sie die Erlaubnis haben sollen, in Neu-Niedeiiand zu verkaufen und zu handeln, zu leben und dort zu bleiben, vorausgesetzt, daß die Armen unter ihnen weder der Gesellschaft, noch der Gemeinde zur Last fallen, sondern von ihrer eigenen Nation unterstützt würden. Ähnliche Versprechungen wurden im Mittelalter gelegentlich einer neuen jüdischen Einwanderung von Juden in europäischen Ländern oft gegeben. Man muß dabei auch in Betracht ziehen, daß es unter den Juden verhältnismäßig wenige Landstreicher und Paupers gibt, wobei wir unter Pauper jemand verstehen, der körperlich wohl zur Arbeit fähig wäre, aber den Ehrgeiz verloren hat, für sich und die Seinen zu arbeiten. Es gibt viele Arme unter den Juden, aber sie bestehen meistenteils aus Invaliden, Kranken und Krüppeln. Sogar die sogenannten „Luftmenschen" unter den osteuropäischen Juden sind eine schwer arbeitende Klasse, die immer eine Möglichkeit sucht, zu etwas zu kommen, aber durch widrige Verhältnisse meist daran verhindert wird. Über die Ursachen und die Verbreitung der jüdischen Armut ist nur sehr wenig geschrieben worden, besonders in den westlichen Ländern. Ich kenne nur zwei Schriften über Ostjuden, nämlich Brodowski5s „Das jüdische Elend in Odessa" in Nossigs „Jüdische Statistik" und die Untersuchung, die die J. C. A. über die Armut der Juden in Rußland im Jahre 1898 angestellt und ursprünglich in Russisch, neuerdings auch in Französisch veröffentlicht hat. In Deutschland gibt es verhältnismäßig wenig arme Juden, was auch R u p p i n in seinem Buche „Die Juden der Gegenwart" gezeigt hat. Dasselbe scheint bei den einheimischen Juden der anderen westlichen Länder, wie Frankreich, England, Belgien etc. der Fall zu sein. Und wenn man die Juden in den Vereinigten Staaten in Betracht zieht, so findet man, daß über ihre Armut fast nichts geschrieben wurde. Die Juden in Rußland, Österreich-Ungarn, Rumänien etc., die Verwandte in Amerika haben, glauben meistens, daß alle jüdischen Einwanderer iu dem neuen Lande zu Vermögen gelangt sind. Es scheint deshalb angebracht, einige Daten über die Verbreitung der Armut bei den Juden New-Yorks, dem größten jüdischen Centrum der Welt, zu veröffentlichen. Obschon es von vornherein gesagt werden muß, daß es sich dabei nicht um sichere statistische Erhebungen hinsichtlich der genauen Zahl der jüdischen Armen und Unterstützungsbedürftigen in dieser Stadt handelt, so geben doch die Aufzeichnungen der „Vereinigten jüdischen Wohltätigkeits - Anstalten" die Minimal-Zahlen der Juden, die in Fällen der Not die Hilfe ihrer Glaubengenossen anrufen müssen. Die Berichte dieser Gesellschaft sind auch noch deshalb von großem Werte, weil sie nicht nur-die Zahl der Hilfesuchenden, sondern auch viel informatives Material über die soziale Lage der *) „United Hebrew Charities".

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