Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 7 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Der Untergang der deutschen Juden
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 163 (sequence 2)
- Language
- German
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— 163 — gute deutsche Staatsbürger. Es ergibt sich also für Baden und Elsaß-Lothringen folgendes Bild: Die zu geringe Selbstvennehrung der deutschen Judenheit in den deutschen Kleinstaaten vermag auch minimalen Verlust, der ihr durch Wegzug oder andere Momente erwächst, nicht mehr zu ersetzen. So sinkt ihr Anteil an der Bevölkerung in überraschender Weise." Diese Darstellung Theiihahers enthält eine ga nze A nzah 1 im b e wies en e r Beh aup tun gen, Zunächst erfolgte in den siebziger Jahren ein Rückgang der jüdischen Bevölkerung im Elsaß. Sie nimmt von 1870 bis 1880 absolut ah um 1660 Personen. Ferner läßt sich nicht beweisen, daß in den siebziger Jahren eine Ab. Wanderung der badener Juden in die Schweiz erfolgte, da sich nirgends hierüber Angaben finden. Es stellt auch gar nicht fest, daß damals eine Abwanderung erfolgte oder gar in welcher Höhe, weil für Baden erst seit 1908 Angaben über Geburten und Sterbefälle nach der Konfession existieren, sodaß wir nicht in der Lage sind für die früheren Jahre die Wanderungen zu berechnen. Daher ist auch die Behauptung, daß in den siebziger Jahnen die hohe Zahl der Geborenen die der Abwand erer ersetzt, völlig aus der Luft gegriffen. Endlich steht nicht fest, wieviel von den 3684 deutschen Juden in der Schweiz aus Baden stammen. Wir dürfen annehmen, daß von den Badener Juden, die in den achziger und auch noch in den neunziger Jahren das Land verließen, wie in den übrigen Staaten,sich der größte Teil nach Amerika wandte. Th eilhabe r gibt zu, daß man bezüglich Elsaß- Lothringens noch weitere Details - Untersuchungen abwarten müsse, ehe man ein abschließendes Urteil über die Abnahme der dortigen Juden fällen könne, glaubt aber, „nach ihm zuteil gewordenen Informationen", daß die Auswanderung nach Frankreich in den neunziger Jahren und im 20. Jahrhundert unwahrscheinlich ist. Auch wir können nichts Bestimmtes hierüber aussagen, würden uns aber sehr hüten den Schluß zu ziehen, „daß die zu geringe Selbstvermehrung der deutschen Judenheit in den deutschen Kleinstaaten auch minimalen Verlust, der ihr durch Wegzug oder andere Momente erwächst, nicht mehr ersetzen kann*'. Denn gerade in Elsaß-Lothringen ist der absolute Rückgang der Juden so rapide, daß wir geradezu genötigt sind eine Abwanderung anzunehmen, da wir nicht annehmen können, daß die Geburtenzahl dort in so starkem Maße von der Sterblichkeit iibcutr offen wird. Amtliche Zahlen über Geburten und Sterbefälle bei den Jiukm fehlen vollständig. Wir besitzen für Elsaß-Lothringen nur die Zahl der jüdischen Eheschließungen vom Anfang der achtziger Jahre an, und wenn wir auch nur mit größter Vorsicht einen Rückschluß von der Zahl der Eheschließungen auf die natürliche Zunahme machen dürfen, so sind doch die Zahlen für Elsaß-Lothringen symptomatisch immerhin beachtenswert. Es betrug die durchschnittliche jährliche Zahl der ungemischten jüdischen Ehen 1882/85 203, 1886/90 195, 1S91/95 205, 1896/1900 207, und 1900 05 231. Die Zahl der Eheschließungen ist demnach sogar im Steigen begriffen. Ganz besonders beschäftigt sich The iiilab er mit der jüdischen Bevölkerung in Bayern und auch hiebei läßt er sich mancherlei Unrichtigkeiten zu schulden kommen. Bekanntlich ist das Wachsturn der bayerischen Judenheit sehr gering, ja man kann geradezu von ein er Stagnation derselben reden. T h e i 1 h a b e r schildert nun die Entwicklung der Juden in Ba3'ern folgendemaß en: „In der Mitte des 19. Jahrhunderts war es der Zug nach Amerika, der die großen Lücken in der bayerischen Judenheit verursachte. Ais aber die Juden die Freizügigkeit erhielten, Ehen nach Belieben schließen durften und in alle Städte übersiedeln konnten, nutzten sie die gebotene Freiheit aus und blieben im Lande. Bedeutende Judengemeinden, wie die von Nürnberg und Schweinfurt, sind jüngsten Datums. Der bayerische Jude, der heute nicht mehr zur Auswanderung gezwungen ist, bleibt in seinem Vaterlande, das er nicht