Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 7 (1911)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1911)
- Article
- Die wirtschaftliche und soziale Lage der Juden in Deutschland
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 77 (sequence 2)
- Language
- German
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— 77 — den sowohl quantitativ wie qualitativ ge- | stiegenen Bedürfnissen nachzukommen, der j Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung im Reiche wachsen. Wie es um die natürliche Zunahme der jüdischen Bevölkerung in Deutschland steht, wissen wir aus dem vorangegangenen Kapitel. Was liegt nun mehr auf der Hand als der Gedanke, daß sowohl der Anteil der erwerbstätigen jüdischen Bevölkerung als auch das Wachstum derselben während der beiden letzten Berufszählungen aus diesem Grunde hinter jenem der Gesamtbevölkerung zurückgeblieben ist? Diesen Schluß hat in der Tat Friedrich Naumann in dem Artikel Konfession und Beruf („Die Hilfe", 1911, No. 11) in bezug auf die preußischen Juden gezogen. Er führt dort folgendes aus: „Die Zahl der erwerbstätigen Juden vermehrt sich nur langsam. Während die Katholiken bei der letzten Berufszählung in den großen Haupterwerbszweigen um 39 Prozent stärker auftreten, während die Evangelischen um 32 Prozent zunahmen, stiegen die Juden nur um 17 Prozent. Das hängt mit dem Zurückgehen der jüdischen Elemente im ganzen zusammen. Die Juden leben verhältnismäßig lange, haben aber weniger Kinder und verlieren beständig durch Konfessionswechsel.u Diese Schlußfolgerung klingt ganz plausibel, ihre Begründung entspricht aber nicht den tatsächlichen Verhältnissen. Wir sehen hier wieder einmal, wie vorsichtig man mit der Anwendung allgemeiner Schlußfolgerungen auf einzelne bestimmte Fälle sein muß. Naumann wendet einen und denselben Gesichtspunkt auf zwei ganz verschiedene Volksmassen an. Er vergleicht Katholiken und Protestanten auf der einen mit Juden auf der anderen Seite und übersieht dabei vollständig, daß er inkommensurable Massen vor sich hat. An der geringeren Zunahme der erwerbstätigen Juden mag wohl das geringere natürliche Wachstum derselben auch schuld sein, ausschlaggebend ist dieses aber nicht, sondern der Grund liegt, wie wir bald zeigen werden, viel tiefer, und nur eine Betrachtung der beruflichen Gliederung der deutschen Juden vermag uns hierüber zuverlässig Aufschluß zu geben. Lassen wir aber, bevor wir auf diesen Punkt näher eingehen, die Zahlen sprechen. BevölkerungS'Gruppe Gesamtbevölkerung Juden Von je 100 Pers. der Gee.-Bevölk. gehören der nebenbez. Bev.- Gruppe an Von je 10* Juden gehören der nebenbez. Bevölk.-Gruppe an 1895! 1907 1895 1907 1895 1907 1895 1907 Erwerbstätige im Hauptberuf .... Dienende für häuslichen Dienst . . . Angehörige.......... Berufslos Selbständige...... 20770875! 26827362 13393161 1264755 2,r517285| 30223429 2142808j 3464983 198351 6371 332766 39870 232545 4797 274240 55417 40,12 2,59 53,15 4,14 43,46 2,05 48,97 5,52 34,35 1,10 57,63 6,92 41,01 0,84 48,54 9,61 Von vornherein sollte man vermuten, daß einem größeren Prozentsatz von Angehörigen auch ein größerer Prozentsatz von Erwerbstätigen im Hauptberuf entspricht. Daß dem nicht so ist, zeigt der erste Blick auf die prozentuale Verteilung der einzelnen Bevölkerungsgruppen: der Anteil der „Angehörigen" unter den Juden war 1895 bedeutend höher als bei der Gesamtbevölkerung und trotzdem der Prozentsatz der Erwerbstätigen im Hauptberufe niedriger. Worauf dies zurückzuführen ist, werden wir bald erfahren. Soviel sehen wir aber, daß im Jahre 1907 die prozentuale Verteilung der Bevölkerungsgruppen bei der Gesamtbevölkerung und bei den Juden annähernd gleichartig ist. Von je 100 Juden waren 41,01 erwerbstätig im Hauptberufe, von je 100 der gesamten Reichsbevölkerung 43,46; von je 100 Juden entfielen 48,54 auf die Kategorie „Angehörige", von je 100 der Gesamtbevölkerung 48,97. Der Unterschied liegt nur hinsichtlich der Zunahme der Erwerbstätigen. Die Zunahme der Erwerbstätigen im Hauptberuf