Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 7 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Georg von Mayr und die Statistik
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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34 — mittel. Jüdisch ist diese Statistik] deshalb, weil sie sich auf diejü-j dische Gesellschaft und auf diel zahlenmäßige Erfassung derjenigen sozialen Tatsachen beschränkt, durch die sich die Juden von der übrigen Gesellschaft unterscheiden (israelitische Konfession usw.). Da aber die Juden seit beinahe 2000 Jahren kein selbstständiges Staatswesen führen, so sind sie in ihren sozialen Veranstaltungen zum grossen Teil von den Ergebnissen der westeuropäischen Kultur abhängig. So hat fast jeder Fortschritt der Gesellschaftslehre für die Juden in ihrer Eigenschaft als Produkt der gesellschaftlichen Differenzierung Interesse. Unter den Männern, denen die Statistik ihre heutige Entwicklung verdankt, steht in erster Reihe Georg von M a y r, der am 12. Februar 1911 seinen 70. Geburtstag feierte. M a y r wurde 1841 als Sohn eines Professors der Mathematik an der Universität Würzburg geboren. Er wurde 18G5 zum Doktor der Staatswirtschaft an der Universität München promoviert, habilitierte sich 1866 als Privatdozent an der staatswirtschaftlichen Fakultät derselben Universität und wurde im gleichen Jahre Assistent am kgl. bayerischen statistischen Bureau, dessen Vorstand der berühmte Nationaiökonom Staatsrat Hermann war. Wahrlich eine gute Schule, die um so intensiver wirken mußte, als er zu seinem Lehrer auch in verwandtschaftliche Beziehungen trat, denn seine Gattin, die an seiner Seite sein Heim, eine Stätte edler Geselligkeit in der Kunst- und Musikstadt I München, leitet, ist eine Tochter Hermanns. Und doch, welcher Abstand in den Publikationen vor Mayr und zu Mayrs Zeiten! Vor Mayr von Zeit zu Zeit ein dünner Band mit stark konzentrierten Zahlenreihen, kaum eine Seite Text. Unter M a y r ein schier unerschöpflicher Zustrom statistischen Materials in sorgsam durchdachter Aufbereitung, mit verarbeitendem Text, deren jeder für sich eine wissenschaftliche Leistung. Freilich folgte Mayr damit nur der Forderung der Zeit, dem \ ] gebieterisch sich geltend machenden Bedürfnis! nach einer exakten Massenorientierung in | Staatsverwaltung und Politik (siehe oben), wie sie namentlich sein anderer Lehrer Engel am Preussischen Statistischen Bureau pflegte. Aber in der Begeisterung, mit der Mayr diese Aufgabe ergriff und in dem Umfange ihrer Ausführung, in einem Staate mittlerer Größe und von bescheidenen Mitteln, in der Art, wie Mayr wissenschaftliche Arbeitsweise und Rücksichten auf die Bedürfnisse der praktischsozialen Tätigkeit vereinigte, hat er ein dauernd wirksames Vorbild für die statistischen Organisationen in Staat, Gemeinde und Privatverbänden geliefert. Zehn Jahre (1869—79) leitete Mayr das bayerische statistische Bureau. In das Ende dieser Lebensperiode fällt auch seine Schrift „Die Gesetzmäßigkeit im Gesellschaftsleben" (1877) die bald in fremde Sprachen übersetzt wurde und nicht nur das internationale Lesepublikum mit der Denk- und Schreibweise Mayrs bekannt machte, sondern auch wesentlich zu dem Umschwung der Meinung beitrug, den die Statistik, ursprünglich eine verachtete „Dirne", jetzt eine umworbene „Weltdame"1), erfuhr. Für den Inhalt der Schrift ist die Aufnahme in die Ratz ersehe Sammlung „Naturkräfte" charakteristisch. Mayr zeigt in ihr, daß es „Gesetzmäßigkeiten im Gesellschaftsleben" gibt, ohne jedoch „den menschlichen Handlungen" und „den äußeren Einrichtungen, die als dauernde Erfolge solcher Handlungen zurückbleiben", den Charakter „reiner Naturprozesse" zuzuerkennen. Die Gesellschaft sei „eine Massenerscheinung, deren Gesetze nur durch Massenbeobachtung gefunden werden können." Mayr hatte in der Bibliothek Hermanns, einer der bedeutendsten wirtschaftlichen Privatbibliotheken, einige ältere Schriften über Tabakbesteuerung gefunden, die seinen lebhaften Geist auf das Gebiet der Reichsfinanzen *) Ueber diesen Vergleich siehe meinen Aufsatz: „Statistik und Judenfrage" in dieser Zeitschrift, Bd. 1, N. 3 (1905) S. 14.