Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Article
- Zur Statistik der jüdischen Bevölkerung in Frankfurt a. M.
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
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— 155 — sind aber die Verstorbenen in den Verzeichnissen des israelitischen Beerdigungsvereins erhalten geblieben; mit Hilfe der in der Tabelle I angegebenen Bevölkerungsziffer läßt sich die relative Sterblichkeit der Juden berechnen und mit der der Christen vergleichen. Unter Zugrundelegung dieser Seelenziffern und der von Horovitz1) mitgeteilten Totenzahlen des Beerdigungsvereins ergiebt sich, nach Jahrzehnten abgeteilt, folgende relative Sterblichkeitsziffer der Frankfurter jüdischen Bevölkerung im 17. und 18. Jahrhundert: Jahr Sterblichkeit Jahr Sterblichkeit 1624—1G30 74 1721- -1730 36 1631—1640 206 1731- -1740 71 1641—1680 36 1741- -1750 45 1681—1690 48 1751- -1760 42 1691—1700 48 1761- -1770 41 1703 53 1771- -1780 38 1709 40 1781- -1790 31 1710—1720 35 1791- -1800 35 Vergleicht man diese Zahlen mit den von uns2) für die christliche Bevölkerung Frankfurts berechneten, so ergiebt sich zur Evidenz, daß die Sterblichkeit der jüdischen Bevölkerung größer war wie die der christlichen, während heute das Umgekehrte der Fall ist. Selbst die enorme Sterblichkeit zur Zeit des dreißigjährigen Krieges hat bei der christlichen Bevölkerung nicht die Höhe erreicht, wie bei der jüdischen (206 bei den Juden gegenüber 158 bei den Christen). Da in den Verzeichnissen der Beerdigungsbrüderschaft die Zahl der verstorbenen Kinder von den Erwachsenen gesondert angegeben ist, so läßt sich auch die Kindersterblichkeit den Juden berechnen. T , Kinder- T , Kinder- J aiir Sterblichkeit J alir Sterblichkeit 1624—1630 42 1710—1720 45 1631—1640 25 1721—1730 46 a) Horovitz, Inschriften, S. 21. 2) Hanauer, Geschichte der Sterblichkeit und der öffentlichen Gesundheitspflege in Frankfurt a.M. (Deutsche Vierteliahrsschr. für öffentl. GesundheUspfege 190$. S. ijb'2 u. f.) 1641- -1650 41 1731- -1740 42 1651- -1660 45 1741- -1750 36 1661- -1670 46 1751- -1750 40 1671- -1680 43 1761- -1770 41 1681— -1690 42 1771- -1780 40 1691- 1700 42 1781- -1790 39 1703- -1709 53 1791- -1800 32 Während die Sterblichkeit der Erwachsenen bei den Juden größer war wie bei den Christen, verhält es sich mit der Kindersterblichkeit umgekehrt, was vielleicht auf die geringere Kinderzahl oder auch auf die bessere Pflege zurückzuführen sein dürfte. Nach den Gründen, warum die Sterblichkeit in der Frankfurter Judengasse im allgemeinen größer war, braucht man nicht lange zu suchen; die Schuld daran trugen die ungünstigen sanitären Zustände des Ghettos. Die Juden lebten zusammengepfercht in der engen, düsteren, von hohen Mauern umgebenen, der Luft und des Lichtes entbehrenden Gasse, für sie ging die Sonne viel später auf und viel früher unter als für die anderen Bewohner der Stadt.1) Da gab es keine Höfe und keine Gärten, die Mauern wurden, anstatt erniedrigt, ständig erhöht. Die Höfe w7aren stets feucht, ja geradezu kotig, da sie keinen Ablauf für die Ausflüsse hatten. Die Antauchen (Kanäle) befanden sich in unordentlichem Zustande, in manchen Häusern fehlten die Aborte vollständig. Im ganzen Jahr war der Gestank in der Judengasse sehr groß, in der heißen Jahreszeit aber geradezu pestartig. Allgemein wanderten sich die Fremden, daß in dieser Gasse nicht Seuchen herrschten und die Bewohner wegrafften. Da die Bevölkerung im 18. Jahrhundert zunahm, neue Häuser aber nicht gebaut werden durften, so schritt man zur Teilung der Häuser, zur Umwandlung von Ställen, Sehuppen oder kleineren Gebäuden in Häuser, namentlich in Hinterhäuser. Sehr instruktiv werden diese Verhältnisse noch durch einige Zahlen illustriert, die wir bei Horovitz finden. M Kracaucr, Festschrift, S. 463.