Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Zur Statistik der jüdischen Bevölkerung in Frankfurt a. M.
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
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— 138 — Durch die Arbeiten namhafter Historiker j und Statistiker wie Bücher, Horovitz, Dietz, \ Kracauer, Bothe, Bleicher u.a. ist es ermöglicht, für Frankfurt a. M. ein ziemlich lückenloses Bild über den Stand und die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung von den ältesten Zeiten ihrer Ansiedlung bis zur Gegenwart zu erhalten. Derjenige, welcher die ersten zahlenmäßigen Feststellungen über die ältesten Ansiedelungen der Juden in Frankfurt machte, ist der bekannte Leipziger National Ökonom W. Büch er.1) In seinem bekannten Buch über die Bevölkerung in Frankfurt a. M. im 14. und 15. Jahrhundert widmet er den Juden ein be- \ sonderes Kapitel. Er stellt dort ihre Zahl; fest, beschreibt die innere Gliederung der I Haushaltungen, schildert die Erwerbstätigkeit \ der Juden sowie ihre Herkunft. Auf dieses j wichtige Werk wird noch häufiger zurückzukommen sein. Die erste Ziffer, die uns über die Zahl der Juden orientiert, betrifft das Jahr 1241, es bringt die erste Tatsache, die aus der Geschichte der Frankfurter Judengemeinde überliefert ist, nämlich die vollständige Ausrottung der Juden in Frankfurt. Bei einem wegen des Übertrittes eines jungen Juden zum Christentum entstandenen Streite kamen gegen 180 Juden durch das Schwert oder durch Feuer um. während der Rest, 2 4 Personen, diesem Schicksal nur durch Annahme der Taufe entgingen. So ist zu verstehen, wenn Bücher die Zahl der Frankfurter Juden für 1241 auf über 200 angibt, eine Zahl welche dieselben in den späteren Jahrhunderten des Mittelalters nicht mehr erreicht haben. Nach dieser ersten „Judenschlacht" siedelten sich die Juden wieder in Frankfurt an und werden urkundlich erwähnt zuerst wieder 1282. Für 1340 berechnet Bücher die Zahl der vorhandenen jüdischen Haushaltungen auf Grund der Steuerleistungen auf etwa 30. Horovitz2) l) Bücher, Die Bevölkerung von Frankfurt a. M. im XIV. und XV. Jahrhundert. Sozialstatistische Studien, Tübingen 1886, S. 520—001. 2) Horovitz, Die Inschriften des alten Friedhofes der israel. Gemeinde zu Frankfurt, Frankfurt 1901, S. XXIII. hält diese Zahl für zu niedrig gegriffen und hält es für unsicher und schwer, aus der Steuer auf die Bevölkerung zu schließen. 1349 rindet die von den Geißlern verursachte zweite „Judenschlacht" statt, welche mit der Tötung oder Vertreibung sämtlicher Juden aus Frankfurt endete. Wenn nun Bücher angibt, daß von 1349 bis 1360 in Frankfurt keine Juden nachzuweisen seien, so wird diese Behauptung von Horovitz widerlegt, und zwar durch Eruierung von Grabsteinen auf dem alten jüdischen Friedhof, die aus den Jahren 135.") und 1359 stammen. Für 1300—1400 berechnet Bücher die Zahl der jüdischen Haushaltungen in Frankfurt auf Grund der Steuerlisten auf durchschnittlich 20, 1431 auf 14, 1447 auf 13, 1473 auf 17. Die durchschnittliche Kopfzahl, die auf einen Haushalt entfällt, war eine ungewöhnlich große, sie beträgt 1431: 7,3, 1447 . 6,4, 1473 : 7;7. Durch Multiplikation dieser Personenzilfer mit der Zahl der Haushaltungen ergibt sich die in der Tabelle angegebene Ziffer der Seelen. In den Ausgang des Mittelalters, nämlich in das Jahr 1462 fällt übrigens noch ein Ereignis, das für den Stand und die Bewegung der jüdischen Bevölkerung von erheblichem Einfluß wurde, das ist die zwangsweise Verpflanzung der Juden in das Ghetto, während sie bisher gemischt mit der christlichen Bevölkerung in der Gegend am Dom gewohnt hatten. Um jene Zeit, in der das Ghetto im Entstehen war, zählte man nicht sehr viele Juden in Frankfurt. Von 1450 bis 1460 betrug die Zahl der Steuerhaushaltungen im Durchschnitt 11, 1460 bis 1470 14, ebenso 1470—1480. Kracauer1) glaubt daher, daß die Kopf stärke der jüdischen Gemeinde von 1450 bis 1480 die Zahl 100 kaum überschritten hat. Hatte sich die Gemeinde von 1360—1500 immer auf einem niedrigen Stand gehalten, so muß im XVI. Jahrhundert wieder eine bedeutende Vermehrung derselben eingetreten x) Kracauer, Die Geschichte der Juden in Frankfurt: Festschrift zur Jahrhundertfeier des Phiiantropin in Frankfurt. 1904, S. 300.