Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1910)
- Article
- Zur Untersuchung der Lage des jüdischen Handwerkerstandes in Rußland
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 121 (sequence 2)
- Language
- German
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— 121 — Zählung nur beschränkte Kesultate ergeben, i andererseits ist eine Kopf Zählung eines spezij eilen Bevölkerungsteiles mit solchen unüberi windlichen Schwierigkeiten verbunden, daß j die Möglichkeit ihrer Anwendung auf die Unter- \ suchung der jüdischen Industrie fast vollständig i ausgeschlossen ist. \ Diese äußerste Unzulänglichkeit der Volks- ' Zählung liegt sowohl in ihrem Wesen als auch! in den Bedingungen ihrer Durchführung. Die j wesentliche Unzulänglichkeit der Zählung be- \ steht darin, daß sie niemals die Möglichkeit j hat, in die objektiven Verhältnisse der Proj duktion einzudringen, ihre Bedingungen zu j erforschen, ihre Bedürfnisse aufzudecken und \ die Ursachen, welche zu ihrer Entwicklung; führen, zu ergründen. Die Volkszählung kann i sich also niemals aus dem engen Gebiete der; Volksstatistik, aus dem subjektiv-psychischen! Leben der Produktionsträger, erheben. Auch wenn der Fragebogen einer Zählung so aus- \ führlich sein könnte, um neben den Fragen nach der Zahl wie nach der beruflichen Gliederung der Bevölkerung auch noch die soziale Lage eines Jeden, seine Stellung im Produktionsprozesse — selbständig oder unselbständig —, sein Lebensniveau zu erfassen, so würden die Angaben einer selbst so ausführlichen Zählung zwar sehr viel zur Beleuchtung der allgemeinen Lage des jüdischen Handwerkes beitragen, doch könnte sich keine praktische sozialpolitische Tätigkeit auf sie stützen, denn diese Angaben würden nicht die Ursachen zu erklären vermögen, welche die bessere Lage der Handwerker in den einen Berufen, die schlimme Lage derselben in den anderen hervorrufen: sie würden nicht im Stande sein, die Notstände und Forderungen des Handwerks aufzudecken. Indem eine Volkszählung die einzige objektive Quelle unberührt läßt, in der allein alle diejenigen Ursachen liegen, welche den Wohlstand der einen und den Notstand der anderen Bevölkerungsgruppen, den Erfolg und Aufschwung der einen und den Rückgang j und Verfall der anderen Berufe bedingen, so | können die Tatsachen einer Zählung niemals zu unbedingten Ergebnissen führen; alle Folgerungen, die aus denselben gezogen werden können, tragen immer den Charakter einer Annahme oder einer Vermutung. Überhaupt können die Daten sowohl der Statik als auch der Dynamik der Bevölkerung zu ganz entgegengesetzten Schlußfolgerungen veranlassen. So können z. B. die Daten über die Zahl der jüdischen Handwerker einerseits das übliche Schlagwort über den Überschuß der Handwerker im Ansiedlungsrayon bestätigen, doch lassen sie sich noch eher als ein Zeichen der Entwicklung des Handwerks, das eine immer größere Zahl jüdischer Bevölkerung heranzieht, als eine Folge der Geld Wirtschaft, der Differenzierung der Landesbevölkerung und der steigenden Nachfrage nach Handwerkserzeugnissen betrachten. Ebenso scheinen auch die Daten über die Bevölkerungsstatistik, welche z. B. über das hohe Alter der Eheschließenden, über die Abnahme der Heirats- und Geburtsziffer vorliegen, einerseits die allerpessirnistischsten Schlüsse über den steigenden Notstand der jüdischen Bevölkerung zu rechtfertigen; doch zeugen sie in der Tat dafür, daß in der jüdischen Bevölkerung das Bedürfnisniveau gestiegen ist, was zweifelsohne nur als Folge einer Zunahme des Wohlstandes der jüdischen Bevölkerung betrachtet werden kann. So lassen uns alle Angaben über den Stand und die Bewegung der Bevölkerung im subjektiven Gebiete der psychischen Erlebnisse; das Gebiet des psychologischen Lebens aber ist so unbestimmt und kompliziert, daß dieselben Erscheinungen ganz verschiedene psychologische Reaktionen hervorrufen können, und so geben solche Angaben in gleicher Weise Veranlassung zu ganz entgegengesetzten Ergebnissen und Schlußfolgerungen. Ferner aber kann eine Zählung, den Bedingungen ihrer praktischen Verwirklichung gemäß, niemals so ausführlich sein, um die wirtschaftliche Lage des jüdischen Handwerkes auch nur vom subjektiv-psychologischen Standpunkte aus vollständig zu beleuchten. Die Angaben der Zählung haben