Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Article
- Die Rassenpathologie und der Alkoholismus bei den Juden
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Unter den ansteckenden Krankheiten, deren Entwicklung der Alkoholismus begünstigt, nimmt die Tuberkulose den^ersten Platz ein. ■M Nach den statistischen Erhebungen von D r. Ogle erreichte die Sterblichkeit an Lungentuberkulose in England ihren Höhepunkt bei den Berufen, bei denen Alkoholmißbrauch vorherrscht, gewissermaßen Berufsübel ist (Gastwirte, Brauer, Kellner usw.). Dazu kommt, daß die Juden im Gegenteil eine sehr geringe Sterblichkeit an Tuberkulose aufweisen. Hier muß man allerdings, von dem Nichtvorhandensein des Alkoholismus abgesehen, mit dem Einfluß anderer Faktoren rechnen. So hat kürzlich der New-Yorker Arzt Dr. W. Hutchinson1) sogar nachzuweisen versucht, daß der beträchtliche Unterschied, den man zwischen der Sterblichkeit an Tuberkulose bei der jüdischen Bevölkerung und der nichtjüdischen in den amerikanischen Städten wahrnimmt, sich kaum auf die Menge des konsumierten Alkohols zurückführen läßt: trotz ihrer Enthaltsamkeit konsumieren die Juden täglich nicht weniger Wein, Bier und andere alkoholhaltige Getränke, so daß der Jude durchschnittlich im Jahre nicht viel weniger Alkohol zu sich nimmt als beispielsweise ein Irländer, ohne sich natürlich den gleichen Ausschweifungen hinzugeber.. D r. Hutchinson folgert daraus, daß, wenn man den Alkohol für die Sterblichkeit an Tuberkulose verantwortlich macht, jedenfalls die konsumierte Menge keine Eolle spielt, sondern vielmehr die Art, wie die Aufnahme derselben vor sich geht. Der Mißbrauch geistiger Getränke hat nicht nur eine erhöhte Empfänglichkeit des Körpers für alle möglichen Krankheiten zur Folge, sondern verhindert sogar die Heilung dieser Krankheiten, indem er ihre Vorausbestimmung mehr oder minder erschwert. Das ergibt sich klar aus den Erfahrungen der englischen Krankheits-Yersicherungs-Gesellschaften. Die United Kingdom Tempei) Woods Hutchinson. Varieties of tuberculosls according to raee and social condition. (New-York Med. Journ., 12. Okt. 1907). I rance and general Provident Institu- | t^on während der 25 Jahre von 1S66/189Ö 3586 Todesfälle auf ^926 in ihrer Abteilung für Temperenz vorgesehene Fälle festgestellt, das sind 58,7 °/0, während die allgemeine Abteilung 7037 Todesfälle auf 7276 Fälle oder | 96,6% ergibt, was einem Mehr von 27,9% auf | Seiten der Nichtabstinenzler entspricht. | Durch die kürzlich von Dr. Fernet1) j durch geführte Umfrage in den Pariser Kr anken- I häusern wurde festgestellt, daß in den allge- | meinen Anstalten ein Drittel der Todesfälle | (33,81 %) mit dem Alkoholismus im Zusammenj hang steht; dieser ist direkte, einzige Ursache | bei 10,20% der Todesfälle, Nebenursache in I 23,61%. In den Irrenanstalten tritt die unj glückselige Polle, die der Alkohol spielt, noch I klarer zu Tage, denn er kommt dort als Todesj resp. Srkrankungsursache in ungefähr der Hälfte von allen Fällen in Betracht. An der Hand der Veröffentlichung der Erhebungen von Fernet ist es interessant, in dieser Hinsicht die öffentlichen Hilfsanstalten, über die sich seine Eundfrage erstreckt hat, mit dem Rothschild-Krankenhaus zu vergleichen, das fast ausschließlich Israeliten aufnimmt. Dr. Zadoc-Kahn. der Oberarzt dieses Krankenhauses hat mir, ohne mir, genaue Zahlen liefern zu können, doch sehr bedeutsame Winke für das Studium der Aikoholfrage bei den Juden gegeben. Die jüdischen Insassen des Rothschild-Krankenhauses können nach Dir. Zadoc-Kahn, in zwei Klassen geteilt werden: in eine größere, nämlich die kürzlich, größtenteils aus Rußland oder andern slavischen Ländern nach Paris gekommenen Emigranten, und in eine kleinere, die die mindestens fünf Jahre in Paris ansäßigen Juden umfaßt. Die erste Klasse liefert sozusagen gar keine Alkoholiker und keine Krankheit, die auf mehr oder minder tiefer Intoxikation hinweist. Anders ist es in der zweiten Klasse *wo die Pest des Alkolismus *) C h. Fernet „De la mortalite par alcoolisrne et par Syphilis dans les höpitaux et hospices de Paris. (Bull, et Mem. de la Soc. m6dicale des fiöpitaux de Paris, Sitzung vom 18 Okt. 1907.)