Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 5 (1909)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1909)
- Article
- Die Heiraten von Juden im europäischen Rußland vom Jahre 1867 bis 1902
- Date
- 1909-12-01
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
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dem wichtigsten Teil unserer Untersuchung gelangt, in dem die Erscheinungen der Ehebewegung nicht nur als solche anerkannt werden, sondern auch einen tiefen Zusammenhang mit dem gesamten Volksleben aufschließen. Von den drei wichtigsten Momenten des menschlichen Lebens, die die Statistik zu erfassen vermag: Geburt, Ehe und Tod, ist die Ehe das einzige, an dem die Wirkung eines bewußten Willens zu bemerken ist, und so können wir in den verschiedenen Heiratsgestaltungen die Wirkung der ganzen Volkskultur verfolgen, sofern letztere sich in den Massenbedürfnissen verkörpert. Daß diese Völker öfter im Winter heiraten und jene im Herbst, daß die Einen früher, die Andern später heiraten, daß bei den Einen die wiederholte Ehe eine gewöhnliche Erscheinung ist, während die Andern sich nur äußerst selten zum zweiten Mal verehelichen, und daß in demselben Volke dieselben Erscheinungen in verschiedener] Zeiten sich anders gestalten — all dies weist auf eine ganze Eeihe von Veränderungen und Verschiedenheiten hin, deren Spuren wir in den Ziffern und deren Bewegungen ablesen können. Und so erschließen uns die Veränderungen in der Bewegung der jüdischen Ehen während der letzten 35 Jahre einen neuen Pfad zum Verständnis des gesamten jüdischen Lebens. Die Einteilung der jüdischen Ehen nach den verschiedenen Altersgruppen der Eheschließenden zeigt uns Tabelle II. Das Durchschnittsalter derEheschiießenden zeigt eine allmähliche und fortwährende Zunahme. Während im Jahre 1867 fast die Hälfte (43%) aller in die Ehe tretenden Männer sich im Alter von 20 Jahren und darunter befand, bildet diese Altersgruppe im Jahre 1880 schon weniger als eine Viertel, während 1890 nur 8.2% alier jüdischen Männer im Alter von 20 Jahren und darunter ihre Ehe eingehen; die Abnahme in dieser Altersgruppe dauert dann von Jahr zu Jahr fort; während der letzten fünf Jahre, für welche wir Angaben haben, ist eine weitere Abnahme um Vs des früheren Verhältnisses zu bemerken, und 1902 betragen die Heiratenden in dieser Altersgruppe nur 4,8% oder weniger als ein alier heiratenden Männer. Im Jahre 18671) befanden sich fast % (60,8%) aller heiratenden Jüdinnen im Alter von 20 Jahren und darunter; im Jahre 1880 nicht viel mehr als die Hälfte (53,4%), 1890 etwas mehr als ein Drittel (35,2 %), während 1902 weniger als ein Viertel (23,9%) aller jüdischen Bräute sich im Alter von 20 Jahren und darunter befand. Während demnach im Jahre 1867 der größte Teil der Heiratenden Bräute und Bräutigame auf die unterste Altersgruppe entfiel, weicht diese Gruppe von den 80 er Jahren an bis in unsere Zeit vor der zweiten Heiratsgruppe (von 20 bis 25 Jahren) zurück. Aber auch in dieser letzteren Altersgruppe steigt das Prozent der Bräutigame auch nur bis zum Jahre 1888 (im Jahre 1867 entfällt auf diese Heiratsgruppe etwes mehr als ein Viertel, im Jahre 1880 mehr als ein Drittel, oder 37,7%, im Jahre 1881 über die Hälfte oder 50,5% aller Bräutigame). Seit 1888 ist eine entgegengesetzte Bewegung zu bemerken: das Prozent der Bräutigame im Alter von 25—30 Jahren fängt an zu sinken und fällt 1902 auf 41 %, d. h. bis auf das Verhältnis von 1881. Diese Abnahme in der zweiten Altersgruppe findet, wie wir aus dem obigen ersehen, gleichzeitig mit der Abnahme in der frühesten Altersgruppe statt und kommt der Zunahme der Ehen in der dritten Gruppe (von 25—30 Jahren) zugunsten. Noch im Jahre 1890 heirateten die Männer im Alter von 21—25 Jahren zweimal so oft wie in der Altersgruppe von 25—30 Jahren, im Jahre 1902 war schon das Verhältnis der Bräutigame in der dritten Gruppe um nur 4,8 % kleiner als in der zweiten. So führt die Tendenz der jüdischen Heiraten zum allmähligen Verschwinden der männlichen Eheschließenden der niedrigsten Altersgruppe von 20 Jahren und darunter und zur Verschiebung des Schwerpunktes der r) Wenn wir die absolute Heiratsziffer der 60er und 70er Jahre in unserer Einleitung für zu unzuverlässig erklärten, um uns Schlösse über die Bewegung der Ehen zu erlauben, so ist. diese Zahl jedenfalls groß genug, um sie zur Berechnung der Verhältnis* zahlen zu benutzen.