Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 5 (1909)
- Issue
- Heft 8 (August 1909)
- Article
- Schulbesuch christlicher und jüdischer Kinder in Berlin von 1897 bis 1906
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
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— 115 — sich angeeignet haben, und diese neue Gene. \ ration übt naturgemäß einen mächtigen Einfluß aus auf die Entwicklung, welche die Kultur in der \ Gegenwart nimmt. Es würde zu weit führen, j wollten wir an dieser Stelle untersuchen, in j welcher Weise der Gegensatz zwischen der j klassischen und modernen Bildungsrichtung j auf das Entstehen neuer Kulturströmungen \ von Einfluß ist. —! Wir wollen im folgenden den Schulbesuch \ christlicher und jüdischer Kinder in Berlin I für eine Periode von 10 Jahren betrachten. | Von den Schulen werden nur zur Erörterung | gelangen die mittleren und niederen Unter-; richtsanstalten, das sind Gymnasien, Real- I gymnasien, Oberrealschulen, höhere Töchterj schulen einerseits und Gemeindesehuien j andrerseits. Außerdem wollen wir anhangsj weise kurz die jüdischen Schulen, d. h. die I jüdischen Gemeindeschulen und Religionsj schulen berühren. Wir stellen die jüdischen j Schüler in Gegensatz zu den christlichen \ und verstehen unter den letzteren evangelische j und katholische zusammen. Das Material zu j den Tabellen lieferten das Statistische j Jahrbuch der Stadt Berlin und die j Publikationen der jüdischen Gemeinde über j die Lehranstalten, letztere allerdings nur für; die Jahre 1900, 1901 und 1907. " j Ein Blick auf die Tabelle I, welche den j Besuch der Gymnasien darstellt, zeigt uns j die auffallende Erscheinung, daß nahezu Vi \ Tabelle f. Gymnasien. jähr Zahl d, Schüler! überhaupt Zahl d. christl, Schüler Zahl der jiid. j Schüler! Von je 100 Schülern waren Christi, jüd. Von je 100 der: gesamten Berliner Bevölker.i waren juden •> 1897 73"4 5447 1892 74,00 25,70 5J1 1898 7359 5433 1914 73,80 26.00 5,07 1899 7403 5455 1934 73,60 26,10 5,05 1900 7264 5289 1962 72.80 27:00 5 04 1901 7220 5272 1930 73,00 26,70 26,30 5,06 1902 7093 5203 1S69 7330 5,05 1903 7018 5178 1826 73,70 26 00 s;oo 1904 6933 5155 1764 74,30 25,50 4,03 1905 6841 5105 1721 74,60 25.10 4,84 1906 6801 5109 1679 75,10 24,60 4,76 der gesamten Schülermasse Juden sind, während der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung nur etwa 5f,/0 beträgt. Auffallend ist dieser Zudrang von Juden zu den Stätten der klassischen Bildung insofern, als dies der rationalistischen Denkweise der Juden scheinbar widerspricht. Man sollte glauben, daß sie sich vorzugsweise den Bildungsstätten zuwenden, welche die Grundlage für eine gute, kaufmännische Ausbildung bieten. Dem ist aber nicht so. Der Grund dürfte in folgendem zu suchen sein. Zunächst legen die Juden großen Wert auf eine abgeschlossene Vorbildung, wie sie das Absolutorium eines Gj'mnasiums bietet, und schon aus diesem Grunde suchen sie eine Unterrichtsanstalt auf, welche den Schüler mit einer abgeschlossenen Vorbildung ausstattet; dann aber suchen sie mit Vorliebe eine akademische Bildung sich anzueignen. Die Liebe zum Studium ist bei ihnen sehr stark ausgeprägt, so dass selbst von denjenigen, die sich später dem Kaufmannstande widmen, ein Teil die Universität oder Handeishochschule besucht. Zur Aneignung der akademischen Bildung ist natürlich das Studium auf der Universität notwendig und deshalb wird als Vorbereitung die humanistische Bildung gewählt. Endlich hat derjenige, welcher das Gymnasiaiabsolutorium besitzt, eine viel größere Auswahl in den Lebensberufen, und so ist es eben der rationalistische Sinn, welcher den Juden veranlaßt, sein Kind ins Gymnasium zu schicken. Außerdem muß man berücksichtigen, daß die im allgemeinen günstigen sozialen Verhältnisse der Juden den Besuch einer Anstalt erleichtern, der einen großen Aufwand an Zeit und Geld erfordert. Doch darf man dem letzteren Lmistande nicht allzugroßes Gewicht, beilegen, denn es ist eine bekannte Erscheinung, daß gerade die minderbemittelten Juden ihre Kinder selbst unter den größten Entbehrungen studieren lassen. Es hat allerdings im Verlaufe des von uns betrachteten Jahrzehnts der Zudrang jüdischer Schüler zum Gymnasium etwas nachgelassen. Während in den ersten drei Jahren 1897/98/99 der Prozentsatz im