Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 5 (1909)
- Issue
- Heft 8 (August 1909)
- Article
- Schulbesuch christlicher und jüdischer Kinder in Berlin von 1897 bis 1906
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
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— 114 — kenntnis des sozialen Lebens zu würdigen.! An dieser Stelle wollen wir nur in großen j Zügen zu skizzieren versuchen, was man unter; Unterrichtsstatistik zu verstehen hat und; weshalb eine Untersuchung über die Stellung, i welche sowohl eine Bevölkerung im ganzen j als auch insbesondere einzelne Klassen und I Schichten der s elb en zum Unterricht einnehmen,; theoretisch interessant und praktisch be"; deutungsvoll ist.; Bekanntlich verfolgt die Statistik eine \ doppelte Aufgabe, einmal die gründliche Er-; kenntnis der tatsächlich bestehenden. Zustände \ und Erscheinungen auf dem Wege er- \ schöpfender Massenbeobachtung, und zweitens : die Erforschung von Zusammenhängen und Gesetzen im sozialen Leben der Völker. Es : wird sich demnach in der Unterrichtsstatistik : um folgendes handeln: Zunächst müssen alle j zum Unterricht gehörigen Tatsachen gesondert \ erfaßt und dargestellt werden. Hierher ge- : hören vor allem die drei Hauptkategorien:; Schule, Schüler und Lehrer. Im Kapitel; „Schule" ist zu untersuchen, wie viel Schulen; im ganzen vorhanden sind und welcher Art I diese Schulen sind, d. h. ihre Einteilung in \ höhere, mittlere und niedere Unterrichts anj stalten einerseits und in staatliche und; kommunale Schulen andrerseits, ferner die | Verteilung der Schulen auf Stadt und Land, j das Verhältnis der Zunahme der Schulen j zum Anwachsen der Bevölkerung u. s. w. j Hierher gehört auch die Schulpolitik, deren j Aufgabe es ist, gemäß den stets im Flusse j befindlichen Kulturbedürfnissen Unterrichtsi an stalten ins Leben zu rufen, welche den veränderten Lebensverhältnissen entsprechen, z. B. Fortbildungsschulen, Gewerbeschulen. Das Kapitel „Schüler" faßt folgende Fragen in sich: Wie viel Schüler gibt es überhaupt und wie verteilt sich die Schülermasse auf die einzelnen Schulen und innerhalb derselben auf die einzelnen Klassen? Welchem Alter i gehören die Schüler an und aus welchen j Schichten der Bevölkerung stammen sie? Wie j ist die räumliche Entfernung der Schüler von j den Unterrichtsanstalten, die sie aufsuchen? j Die Beantwortung dieser Fragen gibt eine Vorstellung von dem Bildungstrieb, der im Volke herrscht, zeigt die Richtung, welche das Bildungsstreben bei den einzelnen Volksklassen nimmt und bringt wenigstens einigermaßen ziffernmäßig die Intensität zum Ausdruck, mit der ein Volk geistige Güter zu erringen strebt. Zum Kapitel „Lehrer" endlich gehören die Fragen: Wie viele Lehrer sind an den einzelnen Schulen angestellt? WTie verhält sich die Anzahl der Lehrer zur Anzahl der Schüler, wie sind die Anstellungs¬ und Besoldungsverhältnisse der Lehrer? ferner das große Kapitel „Konfessions- und Simultanschulen," d. h. sollen an einer Schule Lehrer und Schüler der gleichen Konfession angehören oder dürfen Lehrer verschiedener Konfession an einer und derselben Schule angestellt werden? Erst wenn alle diese Fragen erschöpfend beantwortet sind, kann man dazu übergehen, den Zusammenhang zwischen den kulturellen Strömungen, die in einem Lande herrschen und dem Bildungsgang des Volkes zu untersuchen. Es wird sich zeigen, daß beide, Kultur und Bildung, in wechelseitiger Beziehung zu einander stehen, d. h. daß jedes von ihnen Ursache und zugleich Wirkung des anderen ist. Die Bildung ist die Grundlage der Kultur, und umgekehrt schaffen die Kulturströmungen ständig neue Grundlagen für die Bildung. So hat die wirtschaftliche Entwicklung, welche Deutschland in den letzten 30 Jahren genommen hat, die allmähliche Ihn Wandlung aus einem Agrarstaat in einen Industriestaatbewirkt, daß Unterrichtsanstalten ins Leben gerufen wurden, welche die Jugend für die veränderte Form des Wirtschaftslebens heranbilden sollten. Man verlegte das Schwergewicht mehr auf die realen, technischen Fächer, gründete demzufolge Realgymnasien, Oberrealschulen, Gewerbeschulen, welche mehr den neuen Anforderungen entsprachen. Umgekehrt haben diese Unterrichtsanstalten eine Generation herangebildet, deren Anschauungen grundverschieden sind von denen jener Personen, welche die klassische Bildung