Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 5 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- Die ausländischen Juden in München
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 38 (sequence 6)
- Language
- German
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— 38 — günstigen Säuglingssterblichkeit. Während hei den Juden von je 100 Lebendgeborenen im ersten Lebensjahr im ungünstigsten Fall 13 starben, im günstigsten 4, im Durchschnitt 9, starben im allgemeinen von der städtischen, Bevölkerung von je 100 Lebendgeborenen im ersten Lebensjahr bei ungünstigen Sterbiichkeitsverhältnissen 30, bei günstigen 22, im Durchschniit 26, also mehr als das Doppelte wie bei den Juden. Daß die Säuglingssterblichkeit gerade bei den Juden in München so niedrig ist, ist ein klares Zeichen dafür, daß selbst in den ärmeren Schichten der jüdischen Bevölkerung dem Kinde eine große Pflege gewidmet wird und bei der großen Anzahl von Kindern, deren Eltern Ausländer sind, wirft diese Erscheinung ein günstiges Licht sowohl auf die hygienischen Verhältnisse als auch auf das geordnete Familienleben der ausländischen Juden. Ein Hauptgrund aber dafür, daß die Sterbeziffer bei den Münchener Juden so niedrig ist, liegt in der Einwanderung. Dieser Punkt wird bei der Betrachtung der Sterbeziffer viel übersehen. Man denkt bei dem Rückgang der Sterbeziffer zumeist an die Verbesserung der sanitären Verhältnisse und; berücksichtigt nicht, daß beim Anwachsen einer Großstadt oder hier beim Anwachsen : der jüdischen Gemeinde die Einwanderung von Leuten im produktiven Alter eine Rolle spielt, m einem Alter, wo die Sterbe Wahrscheinlichkeit eine geringe ist. Dies wirkt natürlich auf die Sterblichkeitsverhältnisse im allgej meinen günstig ein. Ein Altersaufbau, wie der I jüdische, bei dem die Altersklasse 16—30 am | stärksten vertreten ist und auch noch die nächstfolgende Altersklasse eine starke Besetzung aufweißt, muß schon aus diesem Grunde eine günstige Sterbeziffer zur Folge haben. Wenn auch eine Einwanderungsbevölkerung in der Regel den Nachteil hat, daß I sie eine sozial niedrig gestellte Schicht aufweist j und vielleicht dadurch die Sterblichkeit der | Kinder und alten Leute ungünstig beeinflußt, so hat sie andrerseits doch den Vorteil, daß sie durch die Masse der jugendlich kräftigen Personen, welche herbeiströmen, die Sterblich- I keitsziffer im ganzen herabdrückt. Über die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Ausländer werden uns erst die Ergebnisse der Berufszählung vom 14. Juni 1907 Auskunft geben. Zur Geschichte der Anti-A von N. W. Gold Im Laufe des Zeugenverhörs seitens der Königlichen Kommission, die im Jahre 1903 in London tagte und das Ziel hatte, eine genaue Untersuchung der Einwanderung nach England und deren Folgen auf allen Gebieten des englischen Lebens zu ergeben, hat sich ein Zeuge Mr. Harold Hoclge folgenderweise ausgesprochen: „Ich fürchte, daß, falls keine Gegenaktion unternommen w7ird, eine sehr unangenehme Situation eintreten kann. Ich denke, daß ein Beschluß, nach welchem gegen die Alien-Bevölkerung zu agitieren, und eine feindliche Gesinnung ihr gegenüber erweckt werden soll, sehr leicht durchgesetzt werden könnte." Hier ist bereits eine versteckte Anspielung iens-Bewegung in England. > i e i n , New-York. auf die Möglichkeit von Exzessen vorhanden, ein Wink, der sich als Raison im nachfolgenden kleinen Pogrome der Engländer gegen die jüdische Bevölkerung des Distriks Bethnal Green (London) geäußert hat. So weit war man in der Heimat der Religionsfreiheit und der Zufluchtsstätte der Verfolgten fortgeschritten, daß man zu spezifisch russischen Mitteln griff! Wie ist es aber zu dieser kleinen Revolution gegen die Aliens gekommen? Was hat diese Sturm- und Drang-Periode mit ihren unzähligen Meetings und zündenden Reden, mit ihren erregten Straßenversammlungen, kühnen und schroffen Parlamentsdebatten, hitzigen und temperamentvollen Zeitungsartikeln gezeitigt?