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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1909-01-01 · Heft 1 (Januar 1909) · p. Seite 3

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
5 (1909)
Issue
Heft 1 (Januar 1909)
Article
Die Konzentration der jüdischen Einwanderungs-Bevölkerung in London
Date
1909-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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— 3 — stimmen. Geht doch ein großer, wenn nicht der größte Teil der Eingewanderten nicht in die Synagoge, gebraucht kein Koscher-Fleisch und bleibt doch im Ghetto konzentriert. Die oben erwähnten Faktoren können wie jede ideologische Kraft in Bezug auf soziale Erscheinungen nur dann mitschaffen, wenn schon vorher die stärkere, mehr organische Kraft, nämlich die der Produktivkräfte ihre Tätigkeit entfaltet hatte. Im gegebenen Falle heißt das, wir müssen den Grund für die Konzentration in jenen objektiven Bedingungen suchen, in denen die Produktionskräfte der jüdischen Emigranten entstanden, und zur Entwicklung gelangt sind. Jede Konzentration der Bevölkerung auf einem bestimmten Punkte ist zuallererst in der Notwendigkeit begründet, die verschiedenen Elemente der gesellschaftlichen Produktion näher und enger zusammenzubringen, damit das Maximum der Organisation und Produktivität erreicht werden kann. Mit anderen Worten: jede Konzentration der lebendigen Kräfte der Gesellschaft steht, wie seltsam das auch den idealistisch Denkenden erscheinen möge, in engstem Zusammenhang mit der Konzentration der toten Kräfte, des toten Inventars. Was ist denn die Ausbildung der modernen Städte, diese gewaltigste Konzentration von Menschenmassen, die je in der menschlichen Geschichte zu sehen war? Nichts anderes als ein Produkt der modernen bürgerlichen Produktion, welche ungeheuere Produktions-, Tausch- und Transportmittel geschaffen und akkumuliert hat, die untereinander die möglichst nahe Relation, die möglichst kleine Entfernung anstreben. Nun bildet der gegebene Fall, die Konzentration der jüdischen Emigranten in dem East-End of London, keine Ausnahme von der festgestellten Regel und läßt sich im Detail folgenderweise erklären. Die Unmöglichkeit, in die Sphäre der englischen Arbeit und Industrie einzudringen, die sich für die jüdischen Einwanderer von den ersten Tagen herausstellt, hat die letzteren bewogen, eine eigene Ökonomische Welt aufzubauen. „Die Emigranten," sagt Sydney Buxton, „haben größtenteils spezielle Industrien geschaffen, die keineswegs der regulären heimischen Produktion Konkurrenz machen. Diese speziellen Industrien würden ohne die billige Arbeit und billige Unternehmung, die ihnen zugrnnde liegt, ihre Existenz aufgeben müssen."1) Das heißt, soweit das einzelne jüdische Individuum den Kampf um's Dasein aufzunehmen vermochte, soweit konnte es geschehen nur im organischen Zusammenhange mit der jüdischen Masse, mit anderen Worten, die Summe der Individuen, die das jüdische Ghetto repräsentieren, konnte nur deshalb eine ökonomische Existenz aufbauen, ein wirtschaftliches Leben hervorrufen und entwickeln, weil alle diese Individuen ihre einzelnen Existenzen, untereinander verbanden. Diese wirtschaftliche Konzentration war natürlicherweise undenkbar ohne eine geographische Konzentration, ohne den engsten Zusammenhang der Emigranten im territorialen Sinne. Die Lohnarbeiter, die Master, die Händler und Krämer, die Pedlars und Straßenhändler — alle Klassen und Gruppen haben sich darin ein Zentrum geschaffen, wo sie ihre konzentrierten Märkte haben, wo deshalb der Absatz und die Zirkulation der Waren möglichst sicher und möglichst schnell geschehen kann. Soviel über die Ursache der Konzentration. Nun zu den Folgen: Die erste und wichtigste Folge, die diese Konzentration mit sich gebracht hat. ist die enorme Übervölkerung, die in allen jüdischen Distrikten in's Auge fällt. Die Enge in dem jüdischen Viertel ist kaum beschreiblich: jedes Stücklein Platz ist hier besetzt, und es scheint, als ob die Emigranten keinen freien Raum für die Luft, für ihre eigene Bewegunggelassen haben, als ob es da keine Menschen- Gesellschaft, keine sozial-strebsame Gruppe gäbe, sondern eine Armee, die hier zufällig eingetroffen und auf schnelle Hand, ohne sich zu orientieren, ihre Plätze eingenommen hat. 2) Sydney Buxton, Handbook to political questions, London 1892.

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