Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 3 (1907)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Juden in der Amsterdamer Diamanten-Industrie
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 3)
- Language
- German
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— 180 sich entwickelte, desto mehr wurde sie von der ökonomischen Tätigkeit der Juden abhängig: das Ausschließen derselben hätte also wahrscheinlich den völligen Untergang der Industrie nach sich gezogen, weshalb auch die Amsterdamer Bürgermeister ihre nationalen Gefühle zurücksetzen und sich den wirtschaftlichen Tatsachen unterordnen mußten. Die Diamantenindustrie blieb wie vorher frei, ohne jede Eins ehran kungen. Inzwischen war in Europa die alte feudale Wirtschaft zu Grunde gegangen und an ihre Stelle der Kapitalismus getreten. Damit war zugleich eine neue und mächtige Bourgeoisie- Klasse aufgekommen — ein neues Absatzgebiet für die Amsterdamer Diam a n t i n d u s t r i e. Schon im Jahre 1808 gab es in Amsterdam zirka 600 Familien, die ihr Einkommen aus dem Diamantengewerbe zogen. Und obschon die Verhältnisse nach einer kurzen Zeit sich gänzlich veränderten, so daß nur 200 Familien auf Beschäftigung rechnen konnten — im großen und ganzen war doch die Tendenz zu einer steten Vergrößerung der Industrie gegeben, sie wurzelte in dem Wachstum und der Ausdehnung der modernen Bourgeoisie-Klasse. Im Jahre 1867 wurden in Amsterdam gezählt: Diamantspaltereien .... 23 Diamantschneidereien ... 50 Diamantschleif Werkstätten (größere und kleinere) . . 246 Diamantsetzereien . . . . 11, in welchen eine Gesamtheit von 1100 Arbeitern beschäftigt wrar, von denen 2/3 Juden waren. Und kaum begann im Jahre 1871 der Import von Diamanten aus Südafrika, so stieg die Industrie mit einem Mal auf das gewaltigste. Im Laufe eines Jahres (1872) hob sich die Anzahl der Diamantschleiferwerkstätten von 300 auf 600 und infolgedessen verdoppelte sich auch die Zahl der Arbeitskräfte, welche im Jahre 1873 schon auf ungefähr 3000 geschätzt wurden. Für die Diamantarbeiter trat die Zeit eines entschiedenen! Aufschwungs ein. Der Lohn stieg bis zu : einer fast unglaublichen Höhe, für das Spalten! eines einzigen Steines bekam ein Arbeiter j oft 40—50 Mark, und nicht selten, sagt Dene- | kamp, sali man die Diamantenarbeiter mit ihren | Frauen und Kindern in Seide und Sammet j in den teuersten Restaurants beim Champa- | gnerweine; nicht selten ereigneten sich seitens ■ dieser Arbeiter solche phantastische Fälle, j w7ie das Weggeben von Goldmünzen als Trinkj geld, das Anbrennen von Havannahs mit Banknoten, das Wegschenken von Tausenden von Gulden an Dirnen etc. Die Dinge gestalteten sich derart, daß die Amsterdamer Aristokratie, das Heerengracht- und Keizersgracht- Viertel die Fahne des „Aufstandes" gegenüber der Joden-Bree Straat, dem Diamantarbeiterviertel, erhob : Um die besten Waren von dem Juden viertel fern zu halten, sah sich : die Aristokratie gezwungen, für dieselben die i höchsten Preise anzulegen. Es versteht sich von selbst, daß der Klassen- , gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie auf solche Weise fast gänzlich verwischt \ worden war. Unterschieden sich diese beiden; Klassen in Bezug auf ihre Lage im Produktionsj prozesse, so standen sie jedoch in Bezug auf i ihre Lebensweise fast auf einem und demj selben Niveau und stellten in dieser Hinsicht j ein soziales Ganzes dar. Außerdem war eine | große Anzahl von Proletariern ins Bürgertum! tatsächlich emporgestiegen und da die öko- | nomische Lage der Diamantarbeiter diesen | Übergangsprozeß, diese Klassen-Metarmophose auch für die Zukunft versprach, so sahen sich die meisten Proletarier als Zukunfts-Bourgeois an. Eine strenge Klassendifferenzierung konnte sich nicht durchbilden. Es war die Periode! des sozialen Friedens innerhalb der kleinen! Welt der Diamantindustrie, j Diese Periode war aber von keiner langen Dauer. Die guten Tage vergingen und schlechte traten an ihre Stelle. Hatte die Diamantindustrie ihre Entwickelungspotenzen einmal erschöpft, war sie zu einem Kulminationspunkt in ihrem eigenen Laufe gekommen, so mußte schließlich eine Periode von Depression und