Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 3 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- Die Kriminalität der Juden und der Alkohol
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 39 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2650397-3187638-3187642-3189260--1005-3189296- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 39 — darunter auch das Delikt der Trunkenheit selbst, da dieses in Massachusets bestraft wird); von 8 440 (schwereren) Verbrechen waren 43 % in der Trunkenheit begangen worden, und zwar Raub in 83%, Hausfriedensbruch in 74 %, Vandalismus in 70 %, Totschlag in 65 %, Körperverletzungen und Beleidigungen in 60%, Diebstahl in 54%, Einbruchsdiebstahl in 43%, Notzucht in 39%, Mord in 25%, Aufruhr in 19%. Die hervorragende Bedeutung der Trunkenheit zeigt sich auch in dem starken Überwiegen der Delikte, besonders der Gewalttätigkeitsdelikte, an den Sonntagen und den Tagen um die Sonntage herum, wo die meisten Trinkexzesse stattfinden. Von den in Deutschland im Jahre 1903 vorgekommenen gefährlichen Körperverletzungen waren am Sonntag fünf mal mehr verübt worden als durchschnittlich an jedem Wochentage. Von den in Wien 1896 und 1897 begangenen Roheits- und Sittlichkeitsdelikte fielen 60% oder % auf die drei Tage von Sonnabend bis Montag, auf den Sonntag allein 28% oder mehr als der 4. Teil. Es sind vor allem, wie gesagt, die Roheits-, die Leidenschaftsdelikte, die in so überaus großer Zahl der Trunkenheit ihre Entstehung verdanken. Und das ist die ganz natürliche Folge der Wirkungen des Alkohols auf das menschliche Gehirn. Der Alkohol trübt die Auffassung und das Urteil und steigert die Erregbarkeit, die Reizbarkeit, während die Hemmungen fortfallen. So führt er leicht zu allerlei unüberlegten, törichten, impulsiven und gewalttätigen Handlungen. Daher das Überwiegen der Personendelikte im Rausch, während diejenigen Straftaten, zu deren Ausführung es einer genauen Überlegung und Planmäßigkeit bedarf, wie Betrug, Urkundenfälschung, nur selten im Rausch ausgeführt werden. Ebenso wie der gelegentliche Rausch, die akute Alkoholvergiftung, ist auch der lange Zeit fortgesetzte Alkoholmißbrauch, der sog. chronische Alkoholismus oder die Trunksucht für die Erzeugung von Verbrechen von größter Bedeutung. Während die Trunksucht auf der i einen Seite durch Herabsetzung der geistigen 1 Fähigkeiten sowie der Leistungsfähigkeit überhaupt, durch zunehmende Arbeitsunlust, Apathie, Unstetigkeit oder durch organische Krankheiten, welche die chronische Alkoholvergiftung hervorruft oder begünstigt, zum ökonomischen Niedergang, zu Vermögensverfall, zu Arbeitslosigkeit, Not und Armut führt, Faktoren, die an und für sich die Kriminalität, speziell Vermögensdelikte, fördern, erfolgt langsam eine zunehmende Entartung und Verrohung der Sitten. Dabei stumpfen Gewissen, Pflicht-, Ehr- und Schamgefühl des Trinkers immer mehr ab, und der Trinker gibt haltlos allen seinen Trieben und Begierden nach, während eine Steigerung der Reizbarkeit, eine wachsende Zornesmütigkeit zu brutalen Handlungen aller Art führt. So resultieren bei den mehr oder minder verkommenen Trinkern auf der einen Seite Vermögensdelikte wie Betrug, Fälschung, Unterschlagungen, Diebstahl, Raub, Meineid, Brandstiftung, Betteln, Landstreichen, andererseits Körperverletzungen, Sachbeschädigungen, Widerstand, Totschlag, Mord, Sittlichkeitsverbrechen (speziell Notzucht, Blutschande, widernatürliche Unzucht), also die Roheitsdelikte, die auch im Rausch eine fruchtbare Quelle haben. Erzeugt der Rausch die Gelegenheitsverbrechen, so bringt die Trunksucht mehr Gewohnheitsverbrechen hervor. Man findet daher unter den Verbrechern eine große Zahl von Trinkern. So ermittelte der Gefängnisarzt Baer bei einer Umfrage in Strafanstalten aus allen Teilen des deutschen Reiches unter rund 33000 Sträflingen (30091 Männern, 2796 Frauen), 20 % Gewohnheitstrinker (20,4 % unter den Männern, 11% unter den Frauen), in Zuchthäusern 21,5 %, in Gefängnissen 10,7 %, in Korrektionshäusern 43,3 %. In Württemberg fand der Strafanstaltsdirektor Sichart unter 3181 Zuchthäuslern. 29,5 % Gewohnheitstrinker, (unter Brandstiftern 34%, unter Sittlichkeitsverbrechern 36%). Noch wesentlich höhere Zahlen sind in andern Ländern festgestellt worden. Marambat ermittelte 1886 im Pariser Gefängnis St. Pelagie unter rund 3000