Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 2 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Der Selbstmord bei den Juden mit besonderer Berücksichtigung Bayerns
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 105 (sequence 5)
- Language
- German
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— 105 — Deutschland) an den Hauptberufszweigen vergleicht (Tab. VIII), wird man die Bedeutung des beruflichen Faktors erkennen können; dabei ist noch zu bedenken, daß bei den Juden die Zahl der Selbständigen im Handelsgewerbe, in dem über die Hälfte aller erwerbstätigen Juden tätig ist, weit größer ist als bei den Christen (60,02 % gegen 34,62 %), für die Selbständigen ist aber das die Selbstmordgefahr besonders mit sich bringende Risiko ausschließlich gegeben. Somit zeigt auch die berufliche Verteilung der deutschen Juden klar, daß das starke Anwachsen ihrer Selbstmordfrequenz nicht nur in der Abnahme der Frömmigkeit, sondern auch in sozialen Gründen zu suchen ist. 2. Stadt und Land. Zu dem gleichen Resultat gelangt man, wenn man die relative Teilnahme an der Stadt- und Landbevölkerung untersucht; auch hier eine ungünstigere Stellung der Juden gegenüber den Christen. Es ist nämlich eine sich in allen Ländern wiederholende Tatsache, daß die Selbstmordfrequenz der Stadtbevölkerung weit größer ist als die der Landbevölkerung (vergl Tab. IX). Tabelle IX1). Auf 10Ö0000 bstm. ande bstm, adt Jahre der Staat Einw. kommen i^^s Selbstm. in 02 =GQ slll Berechnung Stadt Land Schweden....... 167 67 249 1871- 1875 Dänemark...... 288 257 110 1869- 1873 61,4 34,0 181 1851- 1858- 1855 1860 Frankreich . . . 217 118 184 1873- 1876 Italien ... 66,1 29,6 223 2 81 '7 Preußen....... 173 91 184 1849- 1858 Sachsen. . 317,2 219,5 144 1859- -1863 118,2 104,0 114 1876 Nun ist durch Ruppin2) u. A. bewiesen worden, daß die Juden in weit überwiegendem Maße der Stadtbevölkerung augehören; in Bayern3) wohnen 57,4% aller Juden und nur 29,3% aller Christen in den Städten mit mehr als 5 000 Einwohnern; wenn somit auch dieser den Selbstmord be- 1) Nach Morselli S. 172. 2) Rnj-pin in „Jüdische Statistik", Berlin 1903. 3) 8. Wassermann „Entwicklung der jüd. Bevölkerungin Bayern" I. Jahrg. Heft 11. günstigende Faktor bei den Juden in erhöhtem Maße zutrifft, wird ihre erhöhte Selbstmordfrequenz abermals verständlicher. 3, Bildungsstufe. Es ist durch zahlreiche Arbeiten1), auch in dieser Zeitschrift, nachgewiesen, daß das durchschnittliche Bildungsniveau der Juden das der Christen übertrifft; nun ist es aber eine bewiesene Tatsache, daß mit der Bildungsstufe die Selbstmordfrequenz zu wachsen pflegt, mag man nun die Staaten untereinander oder die höher gebildeten Teile desselben Staates mit den tieferstehenden vergleichen; es läßt sich also nicht leugnen, daß die Erhöhung der kulturellen Stellung eines Staates eine Erhöhung der Selbstmordgefahr mit sich bringt; gerade weil aber die deutschen Juden eine höhere Bildungsstufe einzunehmen pflegen als etwa die galizischen, und gerade weil die deutschen Juden durchschnittlich eine höhere Schulbildung haben als die Katholiken dient auch dieser Faktor zur Erklärung der Zahlen der jüdischen Selbstmordfrequenz (vergl. Tabelle X). Ob Krose Recht hat, wenn er annimmt, daß die Bildung deshalb die Selbstmordfrequenz erhöhe, weil sie bei den betreffenden Individuen eben nur eine „Halbbildung" darstelle, kann nicht ohne weiteres entschieden werden; für die Richtigkeit spricht jedenfalls die Möglichkeit von Selbstmerdepidemien, wie sie z. B. Goethes „Werther" hervorgerufen hat; ausschlaggebend ist jedoch meines Erachtens nicht der Gesichtspunkt, daß der wahrhaft Gebildete im allgemeinen innerlich zu reich sein wird, um zu einer rein negativen Lebensauffassung zu gelangen, sondern die Tatsache, daß eben die höhere Bildungsstufe identisch ist mit Erhöhung des Niveaus und damit mit Verschärfung des wirtschaftlichen Kampfes und Belebung des Ausscheidungsprozesses sozial untauglicher Individuen. V. Es ist somit durchaus einseitig, die jüdische Selbstmordfrequenz in Deutschland allein auf die Religion zurückzuführen. Bei einer Bevölkerung, bei der die selbstmordfördernden Faktoren! Vergl. Thon und Knppin „Der Anteil der Juden am Unter- 1 richtswesen in Preußen".