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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1906-05-01 · Heft 5 (Mai 1906) · p. Seite 74

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
2 (1906)
Issue
Heft 5 (Mai 1906)
Article
Kritische und ergänzende Bemerkungen zur Literatur über die Kriminalität der Juden
Date
1906-05-01
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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— 74 - angehört, nicht aber, ob seine Zugehörigkeit mehr als eine rein äußerliche ist, nicht das Maß der G-laubensstärke, nicht den Einfluß der religiösen Vorschriften auf sein Denken und Handeln. Könnte man doch beinahe behaupten, daß die Begehung eines irgendwie ernsten Verbrechens ein Beweis ist, daß der Täter den Zusammenhang mit seiner Religion verloren hat.*) Fragen wir aber die Statistik, so treten uns Unterschiede von so erheblicher Größe entgegen, daß wir nicht berechtigt sind, sie stillschweigend zu übergehen." Grilt das schon von der Kriminalität der christlichen Konfessionen untereinander, so trifft es noch in weit erhöhterem Maße für die Juden zu, für welche zu untersuchen wäre, ob sich ihre Kriminalität wirklich durch soziale Momente erklären läßt oder ob auch anthropologische Faktoren mitspielen. Außerdem ist gerade die Begründung der Reichsstatistik, der AschafTenburg in obigem opponiert, das Muster einer petitio principii, d. h. das, was vielleicht das Resultat einer Untersuchung sein könnte (= Religion ist bedeutungslos für die Kriminalität), wird als sicher angenommen, um dann zu folgern: weil es so ist, kann eine Untersuchung als überflüssig bezeichnet werden. Von den Resultaten, zu denen nun Aschaffenburg kommt, möchoe ich nur einige herausgreifen, und zwar solche, bei denen meine Untersuchungen zu anderen als zu den von ihm vorgetragenen Ergebnissen geführt haben. Das ist zunächst hinsichtlich der Erklärungsversuche der hohen Bestrafungszifier der Juden wegen Beleidigung der Fall. Aschaffenburg sagt hierüber: „Nicht aus dem Berufe erklärt sich die Zahl der Bestrafungen wegen Beleidigung, die noch merkwürdiger wird, wenn man bedenkt, wie gering im alJgemeinen die Neigung der Juden zum Trinken, einer der *) Biese Argrumentation, die sieh z. B. in der Reichskrirainalstatistik für das Jahr 1891 findet, machen Bruno Blau „Kriminalstatistische Betrachtungen der Kreise Marienwerder und Thorn* und Petersilie „Untersuchungen über die Kriminalität in der Provinz Sachsen" sich zu eigen und wenden deshalb der Untersuchung des konfe?sionellen Moments überhaupt kein Augenmerk zu (so Petersilie) oder behandeln dieselbe doch mindestens ganz kursorisch (so Bruno Blau auf 8. 127 der erwähnten Schrift). Vgl. auch Scheel Einführung in die Kriminalstatistik in von Mayr's Allg. stat. Archiv Bd. 1. häufigsten Ursachen dieses Vergehens ist. Wie oft auch hier die Beleidigungen nur die Reaktion auf vorangehende Reizungen sind, entzieht sich der Feststellung; während ich aber bei anderen Delikten den Einfluß einer Rasseneigentümlichkeit für nicht genügend bewiesen halte, scheint mir für die Beleidigung doch ein Zusammenhang mit der Abstammung mögl:ch. Die Lebhaftigkeit des Wesens, die sich in Gestikulationen, Wortschwall, in Schreien und leichter Erregbarkeit kundgibt, ist bekanntlich im Süden sehr viel größer als im Norden; vielleicht läßt sich die große Zahl der Beleidigungen durch diese Verwandtschaft mit südlichen Stämmen erklären; natürlich ist auch für diese Vermutung der Beweis kaum zu erbringen." Hier möchte ich nun anders wie Aschaffenburg den Beruf auch bei diesem Delikte zur Erklärung mit heranziehen. Nach Prinzing (Soziale Faktoren der Kriminalität in Liszt's Zeitschrift Bd. 22, S. 551 ff.) treffen nämlich auf 10 000 Kaufleute 49,3 wegen Beleidigung verurteilte, auf die Selbständigen in der Industrie noch 27,8, während die anderen Berufe sich um die Zahl 20 gruppieren und auf 10 000 Angestellte in der Landwirtschaft resp. häuslichen Dienstboten nur 9,8 resp. 2,4 Verurteilte kommen. Man sieht also, auch die Beleidigung ist in erster Linie Kaufmanns- (bezw. Industriellen-) Delikt. Ebenso möchte ich nicht, wie das Aschaffenburg tut, die verhältnismäßig geringe Beteiligung der Juden an den gefährlichen Körperverletzungen darauf zurückführen, daß sich die Juden weder am gewohnheitsmäßigen Wirtshausbesuch noch an größeren Trinkausschreitungen nennenswert beteiligen. Nach meiner Meinung hat die von Ruppin in Heft 1 des I. Jahrganges dieser Zeitschrift vertretene Ansicht, daß den Christen größere Neigung zur Betätigung körperlicher Kraft innewohne, mehr für sich, doch soll damit die gute Wirkung der Mäßigkeit bei den Juden keineswegs geleugnet werden. In einem „Berufspsychosen" betitelten Aufsatz in der „Zukunft" (XIV. Jahrgang No. 18) sagt Willy Helpach: „Vermag doch auch Aschaffenburg, der in seinem ausgezeichneten

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