Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Die jüdischen Kolonieen in Argentinien
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 16 (sequence 3)
- Language
- German
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— 16 — Lebensweise, die Manieren, die Bräuche und Interessen der Argentinier angeeignet. Am meisten aber hat Krjukow in Erstaunen gesetzt, daß sich bei den jüdischen Kolonisten Argentiniens ein richtiges landwirtschaftliches Leben entwickelt. Die Leute verschmelzen mit der Landwirtschaft, weil sie sehen, daß ihre Arbeit keine verlorene ist, die sie zu steigendem Wohlstand führt. In Argentinien sei der Beweis geliefert, daß man bei einer gewissen Organisation, bei einer gewissen Verausgabung von Mitteln die in schmutzigen Städchen eingepferchte jüdische Bevölkerung in Landwirte umwandeln könne. Nur müsse man im Auge behalten, daß sich eine solche Umwandlung natürlich, nicht durch den Erlaß dieses oder jenes Gesetzes, sondern nur durch eine praktische Organisation, durch ein teilnahmsvolles Verhalten zu der Bevölkerung erreichen lasse. Literatur. Dr. Felix Pinkus, Studien zur Wirtschaftssteilung der Juden. Berlin 1905. 5ö S. 1 M. Die These des Verfassers ist: Die Wirtschaftsweise der Juden war schon vor der Zerstörung ihres nationalen Staatswesens ebenso wie bei den Phöniziern, Griechen und den Römern der Kaiserzeit die kapitalistische, d. h. durch das Erwerbsstreben des Einzelnen beherrschte. Während die Phönizier, Griechen und Römer in den Stürmen der Völkerwanderung untergingen, blieben die Juden erhalten und behielten ihre kapitalistische Wirtschaftsweise bei. Da alle diejenigen Völker, die durch die Völkerwanderung die Herren Europas geworden waren, noch auf der Stufe einer von ethischen Gesichtspunkten beherrschten, antikapitalistischen Naturalwirtschaft standen und darin verharrten, (wie das am schärfsten in dem Zinsverbote des kanonischen Rechtes zum Ausdrucke kam), „waren die Juden inmitten der neuen Naturalwirtschaft der Träger abgelebter, aber doch nicht toter (Wirtschafts-j Formen". (Be ter Beweis: ihre Befreiung vom kanonischen Zinsverbot.) Hierdurch wurde ein Antagonismus erzeugt; die christlichen Völker empfanden die kapitalistische Wirtschaftsweise der Juden selbstverständlich nicht als eine höhere Wirtschaftsform, sondern als einen Ausfluß der besonderen Verschlagenheit der Jaden. Dies hatte Haß uud weiterhin die Judenbedrückungen im Gefolge, als deren letzter —also auf wirtschaftlichen Motiven beruhender — Ausläufer der heutige Antisemitismus zu betrachten ist. Der letztere ist, wo er auftritt, immer ein Zeichen, daß das Land die kapitalistische Wirtschaftsweise noch nicht völlig adoptiert hat und deshalb den rein kapitalistisch wirtschaftenden Juden als eine übermächtige Konkurrenz empfindet. Wo der Antisemitismus sich auch in zweifellos bereits völlig von der kapitalistischen Wirtschaftform beherrschten Ländern zeigt, wie z. B. in England und Amerika, hat er seine Ursache nicht mehr im Hasse gegen den jüdischen Kapitalisten, sondern in dem Hasse gegen den einwandernden jüdischen Proletarier, von dem Lohnunterbietung und Herabdriiekung der nationalen Lebenshaltung befürchtet wird. Wir halten die Ausführungen des Verfassers im ganzen für zutreffend; manches davon ist ja schon früher von Depping, Stobbe, Roscher und Sombart gesagt worden; aber es ist wertvoll, daß der Verfasser das dort leicht hingeworfene weiter entwickelt, systematisch verarbeitet und scharf lierausgemeißeit hat. Ob allerdings der Verfasser mit Recht glauben kann, durch seine Schrift die bisher (Sombart) übliche Heranziehung des „ Handelsgeistes" der Juden als einer Ursache in der Geschichte ihrer Wirtschaft überflüssig gemacht und mit der materialistischen Geschichtsauffassung, deren Anhänger er ist, als letzte Ursache in der Wirtschaftsgeschichte der Juden bestimmte ökonomische Bedingungen aufgezeigt zu haben? Es spricht vieles für die Annahme, daß die Juden im Verhältnis zu den Christen nicht nur eine andere Wirtschaftsform, sondern auch bereits eine andere Geistesanlage aus dem Altertum ins Mittelalter hinüberbrachten. Der Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung kann zwar einwenden, daß diese andere Geistesrichtung dann eben auch ihren Grund darin habe, daß die Juden bereits im Altertum kapitalistisch gewirtschaftet hätten. Aber der Geschichtsschreiber darf, wenn er sich nicht ins Unendliche verlieren will, (im Gegensatz zur Naturwissenschaft) sich nicht darauf verlegen, zu jeder geschichtlichen Erscheinung ihre unendliche Ursachenreihe auffinden zu wollen. Er muß irgendwo in der Vergangenheit einmal etwas gegebenes ais gegebenes hinnehmen. Und ob als dieses letzte Gegebene in der Geschichte besser die verschiedenen Eigenschaften der menschlichen Rassen oder ihre verschiedenen ökonomischen Verhältnisse angenommen werden — über dieses Grundproblem aller Geschichtsschreibung ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen. r Berichtigung. In dem Artikel von Dr. S. Weißenberg: „Das jüdische Rassenproblem" in der vorigen Nummer der Zeitschrift sind auf S. 6 rechte Spalte Zeile 19 von oben durch ein Versehen des Setzers einige Worte ausgelassen worden. Es muß daselbst heißen: „Der höhere Prozentsatz der Langköpfigkeit bei den New Yorker Juden, deren Heimatsland hauptsächlich Osteuropa war, ist vielleicht dadurch zu erklären, daß unter ihnen sich auch einige aus Palästina und Afrika befanden, und diese letzteren nicht berücksichtigt zu haben, ist entschieden als ein Fehler der sonst fleißigen Arbeit Fishberg's zu betrachten." Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Arthur Kupp in, Cliarlottenburg. — Verlag des Bureaus für Statistik der Juden, Haleusee. — Druck von K. Boll. Berlin.