Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Die jüdischen Kolonieen in Argentinien
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 15 (sequence 2)
- Language
- German
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— 15 — Provinz Entre-Rios, Santa Fe, etwa 76 Werst nordwestlich von der gleichnamigen Stadt, und Mauricio 260 Werst westlich von der Stadt Buenos-Aires. Diese Kolonien nehmen einen Flächenranm von 359 758 Hektar ein, wovon 202 412 kolonisiert sind. Insgesamt sind 1394 Familien (7658 Personen) angesiedelt In allen Kolonien gab es am 1. Januar 1904 24 Schulen, die von 776 Knaben und 627 Mädchen besucht wurden. Die Zahl der Bethäuser beträgt 5. An Vieh besitzen die Kolonien 53 000 Stück Hornvieh, 13 000 Pferde und 3500 Schafe. Mit Weizen sind 21000 Hektar besäet, mit Flachs 17 000, mit Mais 14 000. Die meisten Kolonisten sind aus Rußland gekommen; nur in der letzten Zeit hat auch ein Zuzug aus Rumänien und anderen Gegenden stattgefunden. Jeder Kolonist empfängt Land, Gebäude,Inventar, mit einem Wort alles Notwendige, um seine Wirtschaft anzufangen. Er muß den Preis dafür, den er mit 5% zu verzinsen hat, in 20 Jahren abzahlen. Anfänglich bekam jeder Kolonist 50 Hektar Land zugewiesen, doch stellte sich bald heraus, daß dies bei den argentinischen Verhältnissen nicht ausreicht, um in die Höhe zu kommen. Vorzugsweise findet die Ansiedlung in Gruppen von 4 Höfen statt. Für je 2 Höfe wird ein gemeinsamer Brunnen angelegt. Die einzelnen Ansiedlungsgruppen sind von einander 1 Kilometer entfernt, was für die Kommunikation nicht besonders schwierig ist. Auf je 12 Gruppen entfällt eine Schule. Der weiteste Weg, den die Kinder zurückzulegen haben, beträgt mitbin 3 Kilometer. Die Häuser werden aus Ziegelstein erbaut und mit verzinktem Blech eisen bedeckt. Das Haus, S mal 4 Meter im Umfang, mit 3 Fenstern in der Fassade, hat zwei Zimmer und kostet etwa 40 Pfd. Sterling (800 Mark). Der Kolonist empfängt das fertige Haus, eine eingefriedete Fläche von 25 Hektar und eine uneinfriedete von 125 Hektar. In der eingefriedeten Fläche kann er Gemüse bauen, Bäume pflanzen, Luzernen bauen, auf der uneingefriedeten Felder anlegen. Außer Gut und Land erhält er 8 Ochsen zur Arbeit, 12 Kühe, 4 Pferde, 1 Wagen, 2 Pflüge, 1 Es:ge usw. Die Gesamtschuld des Kolonisten beträgt im Durchschnitt 7000 Pesas (12.000 Mark), wovon 4000 auf das Land, 3000 auf alles übrige entfallen. Jede Kolonie hat zur Leitung ihrer Angelegenheiten folgende Administration: einen Verwalter (Gehalt 8500 Mark), einen Gehilfen desselben (6000 Mark), einen Buchhalter (3500 Mark), 2 Schreiber (ä 1000 Mark) alle bei freiem Quartier. Auch die ärztliche Hilfe wird ia den Kolonien gut bezahlt. So bezieht ein Arzt etwa 10 000 Mark, ein Feldscher 2000 Mark bei freiem Quartier. Ernste Feinde der Wirschaft sind die Ameisen, zu deren Bekämpfung sogar ein besonderer Apparat erfunden ist. Die Weizenernte in der Kolonie Clara beträgt 53V2 bis 67 Pud pro Hektar, doch kommen auch ungünstigere Jahre vor. Die Einerntung kostet etwa 4 Mark pro Hektar, die Arbeit und die Pferde nicht gerechnet. Schafe kommen in den Kolonien gut fort, doch ist die Zucht derselben für viele Kolonisten noch schwierig, da der Weideraum der Schafe eingehegt werden muß und aßerdem gedeckte Stallungen für sie aufgeführt werden müssen, in denen die Schafe in der schweren Regenzeit Schutz linden können. Aeitere Kolonisten beschäftigen sich aber mit Erfolg auch schon mit der Schafzucht. Unter den Kolonisten, die sich in Rußland mit Kramhandel und Handwerken beschäftigt haben, haben sich nicht wenige als gute, energische Landwirte gezeigt. Die argentinischen Gerichte gefallen den jüd. Kolonisten wenig. Die Verhandlungen werden in spanischer Sprache geführt, Dolmetscher gibt es nicht, und die Urteile entsprechen häufig nicht der Gerechtigkeit. In der Kolonie Lucienville hat sich deshalb eine „Primera Sociedad Agricola Israelita" gebildet, welche bereits 60 Mitglieder zählt und zur Schlichtung von Streitigkeiten ein Schiedsrichter- Komitee von 15 Mitgliedern gewählt hat. Die landwirtschaftliche Saison in Lucienville beginnt Ende Mai. Zuerst wird Weizen gesät. Mais wird Ende September, im Oktober, ja selbst im Dezember gesät. Die Fröste sind für Weizen im Juli und August gefährlich, für Mais im April und Mai. — Viele Kolonisten in Lucienville haben begonnen, sich mit der Geflügelzucht zu beschäftigen. Die Hühner vermehren sich erfolgreich und finden überall genügend Futter. Eier finden unbeschränkten Absatz, und zwar zu dem guten Preise von 1 Kopeke pro Stück, während Milch sehr billig ist und nach Abzug der Transportkosten zu den großen Molkereien nicht mehr als 25 Kopeken pro Eimer erzielt. Die wichtigste Bedingung für den Wohlstand des UeberSiedlers nach Argentinien liegt in seiner Familie. Erfolgreich arbeiten nur diejenigen Kolonisten, welche eine große Familie haben. Der Durchschnittskolonist erzielt im Jahr an Geld für den Verkauf von Getreide und anderen Produkten etwa 1300 Mark. An die Administration sind etwa 000 Mark an Abzahlungen zu leisten, sodaß ihm noch 700 Mark bleiben. In den günstigsten Verhältnissen befindet sieh die Kolonie Mauricio, weil sie einem guten Absatzmarkt, der Stadt Buenos-Aircs, nahe liegt und auch nicht durch Heuschrecken, Dürre oder allzuviel Regen zu leiden hat. Diese Kolonie hat eine Bevölkerung von 1128 Seelen (164 Kolonisten-Familien) und hatte Anfang 1904 schon IS 267 Hektar Land bestellt. Hornvieh gibt es hier 5611 Stück, darunter 2555 Milchkühe, ferner 3500 Pferde. Auch die Schafzucht hat hier schon einen ziemlich beträchtlichen Umfang; man zählt etwa 3000 Schafe. Wenn die Juden nach Buenos-Aircs kommen, so sind alle über ihr seltsames, erschöpftes Aussehen erstaunt; langschößige Röcke, geflickte schmutzige Mützen, Peijes, auf den mageren Gesichtern Niedergeschlagenheit. Aber in Argentinien werden sie rasch neue Menschen; sie tragen keine Peijes mehr, ihre Kleidung ist die aller Argentinier, das Gesicht gewinnt einen offenen, kühnen Ausdruck. Besonders das junge Geschlecht, das schon die Schule durchgemacht hat und spanisch spricht, hat sich die