Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- Der allgemeine jüdische Arbeiterbund (Bund) in Russland, Polen und Littauen
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 6 (sequence 3)
- Language
- German
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- Hrodna 1× ep/1044655
- Minsk 1× ep/1000754
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- 6 — rayons — Minsk, Warschau, Bjalostok u. a. — über. In Bjalostok gab es eine verhältnismäßig beträchtliche Zahl Fabrikarbeiter (ca. 3000Weber). Freilich waren die jüdischen Arbeiter aus vielen in dem Charakter der jüdischen Bevölkerung liegenden Gründen zu ihren Nachteil nur in den kleineren, technich rückständigen Betrieben, wo am meisten Handarbeit angewendet wird, beschäftigt. Dessenungeachtet gelang es im Jahre 1896 eine Arbeitseinstellung von 2000 jüdischen Webern zu organisieren, die den Zehn-Stundentag forderten und ihn trotz den Drohungen der Behörden im Kampfe durchsetzten. Wohin immer dann die Bewegung sich weiter verpflanzte (Kowno, Grodno, Brestlitowsk, Lodz etc.), war die nächste Folge das Ausbrechen von Strikes und Lohnkämpfen, die immerhin einige Verbesserungen in der ökonomischen Lage der jüdischen Handwerks- und Fabriksarbeiter mit sich brachten. Allerdings muß schon an dieser Stelle gesagt werden, daß in der Folge diese Errungenschaften im Zusammenhang mit der allgemeinen Depression im wirtschaftlichen Leben der russischen Juden überhaupt den Arbeitern immer wieder streitig gemacht werden und von ihnen immer wieder neu erkämpft oder verteidigt werden müssen. Es muß auch erwähnt werden, daß manche nicht genug überlegt begonnene Strikes mit vollständigem Mißerfolg, manchmal sogar mit Brachlegung der Betriebe endeten. Die Führer der Arbeiter aber hatten während der ökonomischen Kämpfe keinen Augenblick die politischen Zwecke, den Ausgangspunkt ihrer Tätigkeit, aus den Augen verloren. Die wirtschaftliche Erhebung betrachteten sie deswegen nur als Vorschule für den grossen politischen Kampf — dies umsomehr, als weder sie noch die Arbeiter sich über die Geringfügigkeit der höchstmöglichen wirtschaftlichen Errungenschaften täuschen konnten. So war z. B. nach allen Mühen der Strikes in Bjalostok im Jahre 1899 eine derartige Krisis in der Textilindustrie ausgebrochen, daß mehr als die Hälfte der Arbeiter brotlos wurde und teilweise (fast j/g aller Arbeiter) auswandern, teilweise sogar betteln gehen mußte. (Ueberhaupt liegt zum Unterschied von Westeuropa das Hauptproblem der jüdischen Arbeiterfrage nicht sowohl in der Arbeitszeit und dem Arbeitsertrag als vielmehr in der Arbeitsgelegenheit.) Am deutlichsten betont in jener Zeit die politischen Ziele der Führer eine Broschüre, „Die Agitation" genannt, die zu den grundlegenden Schriften der russischen Sozialdemokratie geworden ist. Charakteristisch für diese Broschüre ist, daß sie mit keinem Worte auf die Besonderheiten der Lage des jüdischen Proletariats eingeht und einen gesamtrussischen Standpunkt vertritt. Je mehr der politische Einschlag zum eigentlichen Kern der Bewegung wurde, umsomehr nahm die Verfolgung durch die Behörden überhand, um so notwendiger wurde der engere Zusammenschluß der einzelnen Gruppen, und damit zugleich traten immer mehr innere spezifisch-jüdische Gemeinsamkeiten hervor. So führte die weitere Entwicklung zur Einberufung einer Konferenz (i. J. 1897) die sich programmatisch und organisatorisch auf die Gründung des „Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes in Rußland, Polen und Littauen", kurzweg „Bund" genannt, einigte. Der „Bund". Die absolute Notwendigkeit einer besonderen jüdischen Organisation wurde durch ..den Kampf um die Aufhebung der bürgerlichen Beschränkungen der Juden und die Unumgänglichkeit des Gebrauches der jüdischen Volkssprache bei der Agitation" begründet — wobei, wie man sieht, ein Zweck und ein Mittel der Propaganda als gleichwertig nebeneinander gestellt werden. Die Aufhebung der bürgerlichen Beschränkungen wird aus dem Grunde gefordert, weil „der tiefere politische und rechtliche Stand eines Volkes auch auf die Entwicklung seiner Ari beiterklasse als Klasse hemmend wirkt", und die Notwendigkeit einer besonderen jüdischen Organisation zu diesem Zwecke folgendermassen motiviert: „Wie die Befreiung der Arbeiter nur die Sache der Arbeiter selbst sein kann, so muß die Befreiung von dem auf einem Volke lastenden besonderen Drucke nur die Sache der Arbeiter eben dieses Volkes sein." Wie dieser Gesichtspunkt sich in der Folge zu einer Art nationalen Programms verdichtet hat, werden wir später sehen,